Gedichte zu Stickbildern 1

Für persönliche Einträge und Erlebnisse mit Helga Goetze wurde ein Gästebuch eingerichtet

Was ist wohl Liebe, schöner Freund? 

1. ULLALA  (8.11.1983)
2.Weltreisen mit Vorurteilen (28.11.1981)
3. Wann vögelt der Vogel?  (24.1.1981)
4. Ich bin schon erfroren (28.9.1979)
5. WAS IST WOHL LIEBE (12.1978)
6. Kursbuch: FRAUEN  (19.1.1978)
7. Mama war so tot, so schämig (29.12.1977)
8. Ich habe noch nichts erlebt (27.12.1977)
9. Ich bin ein großes, dunkles Loch, das brennt (4.12.1975)

 1. ULLA ist eine Freundin von mir. 

Sie ist sehr durcheinander. Sie wurde jung Witwe, ihr Mann verunglückte tödlich und ließ sie mit einem 3-jährigen Kind zurück. Sie hatte eine Ausbildung als Lehrerin, was ihr nicht so gefiel.Sie wollte Journalistin werden, fand aber keinen Anschluß. Da wollte ich mir selbst ein bißchen Ordnung in ihre Gefühle bringen, Erkenntnis.

 Stickbild-Titel: 1-Frieden

Ullala

Ulla, alte Lügenficke, Märchenzicke,
so verlogen und zerfickelt.
0 lala, die Lügenbüchse,
der Pandora*, das Gewichse. *(das alles Unheil bringende Weib)

Alles Unheil dieses Weib
Leben nur noch Zeitvertreib.

Lieben, alte Lügenzicke,
dein Geficke,
unsere dumme Plaudertasche,
hier Genasche,
da Gehasche -
und dies Lügen und Gegeile,
hier Geschmuse, da Gekeile:
“Ebbi, i, Du alter Sack!”
nur Geficke und Gefack.

Ulla taumelt hin und her.
Sabbelt dies - will DAS nicht mehr.
Hier verknallt und dort verknallt,
wie das hallt und widerhallt.
Diese Märchen, diese Lügen,
dieses Her- und Hin sich fügen.

0 lala, die ULLALA -
was ich hier und dorten sah,
denn mein Auge, das sieht mehr.
Wie wir wurden, wie wir sind,
nur ein dummes Wickelkind.

Ausgewickelt, ausgewackelt,
hin und her und rumgedackelt.
Langsam FACK und sachte FICK!
Wachs’ ich schon ein ganzes Stück.

Endlich warm und wärmer werde
uns die frühlingshafte Erde.
AMAZONE - Horizont,
unsere MONDIN ferne wohnt,
steigt herab als VENUS warm,
nimmt den HEROS in den Arm
und die Liebe steigt empor.
Ullala singt mit im Chor:

Endlich lieben, endlich ficken,
sei mein Leben, mein Entzücken.
Und DIE GREISIN lächelt mild:
endlich PARADIESES / BILD.

  8.11.83


2. WELTREISEN MIT VORURTEILEN
hat zwei Entstehungsgeschichten.  

 Ich lebte 1991 in Berlin-Kreuzberg, als die jungen Leute leerstehende Häuser besetzten und anfingen, eine eigene Jugendkultur zu erarbeiten. Ich war 2 Jahre in einem Seminar für Ethnologie = Völkerkunde.Der Dozent war ein kluger Afrikaner.
Er sagte: "Wir sollten auch Dinge sagen, die nicht ganz sicher belegt sind. Jede/r Mensch ist verpflichtet, sich seine eigene Wahrheit selbst zu suchen und zu dokumentieren."

  Stickbild-Titel: 2-Zivilisation

Weltreisen mit Vorurteilen

Sie reisten vor 100 Jahren
mit Augen voll Vor-URTEILEN um die Welt,
sie glotzten und stierten und schüttelten sich,
komisch waren DIE ANDEREN erstellt.

Chinesen mit schlitzigen Augen
und Inder IGITT! was für eine Kultür,
die zeigten an den Kirchen Pornos
und schämten sich nicht dafür.

So reisen unsere Herrschaften heute
z.B. durch Kreuzberg in Berlin:
"Komisch, warum können die Jungen nicht glücklich sein -
und wie DIE durch die Straßen ziehn !"

Wenn ich dann leise sage:
"Die sind doch aber Tiere und wollen fühlen".
Dann sehen sie mich an, als spinne ich:
"Es gibt doch Kino und Fernsehen statt spielen,
und fressen und schöne Kleider,
und wenn man genug Geld hat, diesen ganzen Kram.
Was wollen die denn eigentlich nur noch
mit diesem Besetzungstamtam?"

Ja, was wollen eigentlich die Jungen?
Das haben sie inzwischen auch vergessen.
Sie sind die eigenen Wilden der Staaten
und können nur messen wie gemessen.

Irgendwie dumpf diese dämlichen Sachen,
dieser Putz und diese kalte Schau.
Was haben sie eigentlich verloren?
Wirklich, die grübeln dumpf in ihrem Bau.

EINE muß es ihnen sagen
immer wieder - laut und bestimmt:
"Zuerst ordnet der MENSCHEN TIER-SEIN,
dann auch der Überbau stimmt!"

FICKEN IST ÖKOLOGIE
ENERGIE  -
NATUR!
 28.11.81


Als Hans-Jochen Vogel in Berlin Bürgermeister war, schrieb ich folgendes Gedicht 
3. WANN VÖGELT DER VOGEL?

 später setzte ich ein Schema dazu:
1. NATUR = Basis / Inhalt TIER, Mutter + Kinder weiblich und männlich fühlen  sein
2. KULTUR = Überbau / Form MENSCH = MANN FRAU ordnen denken werden

Stickbild-Titel: 3-Die Liebenden

WANN VÖGELT DER VOGEL?

Wann vögelt der Vogel? Das wäre sein Recht.
Die Natur ist doch Herr wohl - und niemals ihr Knecht!
Politisch die Farce von Ökonomie nur und Geld,
und die Vögel bescheißen, und das nennt man Held.
Klipp klapp / klipp klapp / klipp klapp.

Natur ist DIE WAHRHEIT und das ist die Moral,
doch die „non-fucker“ spüren und sehn das nicht mal.
Die schaufeln die Gelder und verdrecken das Land,
bis keiner der Vögel gesunde Luft mehr anfand.
Klipp klapp / klipp klapp / klipp klapp.

Nun gut, liebe Papas, in Kirche und Heer,
dann vögelt mit Granaten* und liebet nicht mehr.
Und die Emanzipation füllt die Köpfe mit Schmuh,
und das Vögeln bleibt krankhaft und nennt sich TABU!
Klipp klapp / klipp klapp / klipp klapp.

Ich bin eure Stimme, DAS WEIB in der Nacht,
ich habe euch Wissen und Liebe gebracht.
Ich beschwöre euch alle: DAS VÖGELN ist not(wendig)*,
und tut ihr dies nicht, dann sterbt ihr euch tot.

* Knecht: Knüppel, Stock, Klotz
* Granate: auch Eier genannt
* notwendig: unbedingt erforderlich, unerläßlich.

24.01.1981


 4. ICH BIN SCHON ERFOREN.
MIKE lernte mich während eines Auftritts kennen.  
Er rief mich an und sagte: "Wenn du mich brauchst, sag mir Bescheid!"
 Er kam dann - 3 x -
in 14 Tagen erlebte ich die Jahreszeiten des "Liebens"

   Stickbild-Titel:
4-Wo alles wieder in Einheit fließt

ICH BIN SCHON ERFOREN

Du hast DIE LIEBE gerufen,
das Leben, Natur, du weißt: MICH -
Du hast die Sehnsucht vergossen,
das Hoffen, das Gestalten: DICH.

Du bist hier bei mir eingetreten.
Du hast leise: "HALLO!" gesagt.
Wir lagen im Raum nebenan, fickten
und haben uns verletzlich eingebracht.

Dein Leben im Wirbel, das Hin und das Her
und meines hier mit so viel Besinnen.
Das Chaos wühlt und frißt und verwirrt
und die Stunden, die Tage rinnen.

Ein Blitz! ein Einschlag, ein Wissen genau: "DIE! DAS!" dieses Fühlen ist richtig!! -
Doch dann legt sich wie Kleister und Nebel
das Gelernte über das WICHTIG!

"Ich brauche nichts zu lernen!"
ruft ein Kind aufgebracht - "
DU Mutter, du Hexe, du Sau
wenn ich dich früher gefragt
und gebettelt habe -
He - wo gab es da Mann und Frau?"

Mein Leben geworfen in diese Wüsten,
das muß ich mir selber gestalten.
Haut ab, ihr Gefühle, ihr Körper, fließen,
ich muß berechnen und mich und alles verwalten.

Keine Bewegung, kein falscher Schritt,
die Hyänen, die stehn schon am Rande
und wanke ich und falle ins Loch
sie zerreißen mich, diese zementierte Bande.

Geh, geh und hau ab! Kein Spiel,
kein Leichtsein und Freuen,
meine Wege sind genau überschaubar,
und ich will nicht wanken und scheuen.

Tschüß! Tschüß! 14 Tage mit Frühling, Sommer und Herbst,
die Zeit, was ist Zeit? - der Winter steht vor der Tür.
Ja, ja, es geht mich nichts an, ich muß mich selbst retten,
steh' draußen, mach' was du willst. Erfrier!

Ich bin schon erfroren,
was nützt denn mein Leben?
Ich kann niemand wärmen und kann nichts geben -
nur nehmen,
was ich kriege:
verrecken
oder Siege.

28.09.1979


5. WAS IST WOHL LIEBE, schöner Freund

Ich war 1978 von Hamburg nach Berlin gezogen.Es gab Auftritte bei den Stachelschweinen, im Kleinen Theater.    TUNIX, Alternatives Umweltdorf, eine Wohngemeinschaft mit freier Sexualität. Aber dann mußte ich kapieren, daß ich allein war. Da nahm ich durch BERLIN TIP Kontakte mit Männern auf. Der Wichtigste wurde Achim, 27 Jahre.Ich sagte: "Ich bin eine Prinzessin auf der Erbse." Da schrie er:  "Ich weiß doch gar nicht, was ich machen soll, ich habe doch noch nie gefickt."  Da schrieb ich ihm zu Weihnachten das folgende Gedicht:

Stickbild-Titel: 5-Celestine

 WAS IST WOHL LIEBE, SCHÖNER FREUND?

Wenn einer auf den anderen wartet:
Hallo, ich will, ich will, ich will –
doch meine Kräfte sind noch schwach,
und das Gefühl ruht noch so still.

Doch leise hast du es geweckt,
gestreichelt und umarmt,
gepustet und gelacht:
Ob es sich wohl erbarmt?

Es reibt die Augen, fürchtet sich,
zu viel der Lügen und der Kälte hat es schon ertragen,
es hat sich eingeigelt, fest verpanzert,
verschneckt, vermuschelt, weiß nicht, sich zu betragen.

War DAS GEFÜHL als kleines Kind zu laut,
dann haben alle bös’ geschrieen: "RUH!"
und war ES still, dann hieß es: "Ganz verstockt
und blöde und hört niemals zu."

Ach, die Gefühle unser Königskind,
der Christus, Gott, der sich bewegt und lacht,
den haben unsere Kerkermeister
geschlachtet und kaputt gemacht.

Fast - denn unsere Reste ruhen still in einem Schrein
in tiefster Ecke unseres Wesens,
erkältet und verfroren und verlassen
und spüren nichts mehr dieses Lebens.

Bis einer kommt und leise weckt
und streichelt und umarmt
und pustet fröhlich, lacht
und sich erbarmt
des armen Zottellieschens in der Höhle,
die meint, sie wäre gar nicht schön
und falsch und ungeschickt.
Doch einer ruft: "Laß doch mal sehn!"

Und unser Lieschen streicht die Zottelhaare
und tatscht den Arsch und streicht die Brust
und sieht erschrocken ihre nackte Möse.
Und jener ruft dort laut: "Ich habs gewußt.
Du bist das Zottellieschen der Gefühle,
das macht doch nichts. Auch ich bin klein und kühle."
Und Zottelliese, Zottelhans
beginnen ihren Kindertanz.

Und warm und wärmer
tief und tiefer,
und sieh’ der Schwanz:
"Hab Hunger!" rief er.
Und Möse macht SCHNAPP! und holt sich die Gefühle ab,
die an dem Schwanz wie ein Tannenbaum
fürs Lieschen sich nach innen schaun.

Und Lieschen HE! Wo sind die Zotteln?
Die hat sie bei dem dumpfen Trotteln
verloren.
Sternenkind glänzt licht und schön und
Zottelhans kann es kaum verstehn,
daß dort sein Baumstamm in der Höhle
findet eine Riesenseele.
HE, das ist LIEBE. weißt Du es nun?
und lerne mehr durch frohes TUN.

Dez 78


6. Kursbuch: FRAUEN

Wenn ich lese, streiche ich mir Merkenswertes an.   
Ich schreibe dann den verkürtzen Text ab und habe so ein Konzept, das ich in diesem Fall für folgendes GEDICHT verarbeitete.

   Stickbild-Titel:
6-Hänsel und Gretel

 KURSBUCH / FRAUEN

 Emanze, Emanze –
biste eine Wanze?
Ungeziefer frech und dumm,
ich hau dir gleich die Fresse krumm.

Huch, die kleine Zaubermaus
verkriecht sich in ihr Schneckenhaus.
Wohin will Wanze laufen?
Ihr Papi will nur saufen?

Papi an der Nuckelflache,
Mama ist eine Plaudertasche.
Ach, der Alte, fies und blöde,
kindisch ist der, doof und schnöde.

Und die kleine Mamawanze
kennt nur lautes Rumgetanze
in den Stübchen, in der Küche
puppenwarme Wohlgerüche.
Und der Kerl der säuft
und einfach ihr entläuft.

Emanze, Emanze -
wer ist hier die Wanze?
Mal die Frau und mal der Mann.
ICH/sagen wirklich keiner kann.

EINE schrie in Kinderstuben
für die Mädel und die Buben
gleichermaßen: "Biste kesse,
kriegste was in deine Fresse!"

MAMA MACHT DEN BEIDEN ANGST.
Knabe, wird er langsam groß,
muß wieder in den Frauenschoß.
während Schwester, diese Klette,
kriecht zu einem Mann ins Bette,

und die Angst ist sehr gemildert,
weil ihr Mann als Prinz geschildert.
Während Sohn die Weiber kennt,
er unwohl nur mit ihnen pennt.

Bis die kleine Wanze wacht,
nicht mehr gern mit Männlein lacht,
weil der dämlich lutschen, schmusen,
kindisch will an Weiberbusen.
Doch die frohe Ficknatur
ist ihm ekelhafte Spur.

Und die kleine, trotzige Wanze
wird zu einer Küchenpflanze.
Weint und schnauft und jiechert rum.
Das wird dem Burli wirklich dumm.
Da geht er lieber saufen
und mit dem Fußball raufen.

Unser Pfau, der spielt sich mächtig,
und die Graugans, die wird trächtig.
Papa sperrt das Gänschen ein
in das traute Puppenheim.

Gänschen ist so tief verstümmelt
und das Pfäulein so verlümmelt.
Ein Gefängnis für die Beiden,
machen sich ein endlos Leiden.

Irgendwie liebt MANN sein Gänschen,
so bleibt er das kleine Hänschen,
baut sich eine Talmiwelt,
die Phantasie im Kopf erstellt.

Unser guter Ehemann
bringt dem Weib Reizwäsche an,
dann muß sie wie ein Star auf Bühne
sich zeigen in Privattribüne.

Ach, sein Püppchen, ach, sein Kindchen,
ach, die Kleine, wie ein Hündchen,
seine Nymphe, seine Nixe
künstlich schmierig das Gewichse.

Diese Träume sind so dümmlich,
und so kitschig und so kümmlich,
Schönheit, Pflicht und Dummheit schmückt,
der Pascha seine Dienstmagd fickt.

FRAUEN, setzt zum Sprunge an.
DAS kann doch nicht DAS LEBEN sein?
Diese Sachen, dieses Blöde,
dieses Hüpfen, doof und schnöde.

FREIHEIT! FREIHEIT! streckt die Glieder,
seht euch um, bewegt euch wieder.
Die Gefühle frei zu werden.
kostet Kraft auf dieser Erden.

Jede Frau besieht Geschichte.
Ach, die Qualen, eng und dichte,
denn die Länder die Familien,
halten Frauen wie Mobilien.

"Einzig bist DU wundersame!"
säuselt Gatte hin zur Dame.
MENSCH, das ist gelogen ihr,
er will sie nur zum Fickplaisir.

Dieser eine dumme Kacker,
frecher, neidischer Bubenkacker.

Ganz allein wird jede sehen:
FRAUEN SICH GANZ TIEF VERSTEHEN -
und wir wollen unsere Träume
uns gestalten, Raum um Räume.

DENN DIE MUTTER ist der Grund.
ist sie froh - ist Welt gesund,
wird die ganze Erde blühen:
LlEBE/ARBEIT/WISSEN ziehen

endlich mit Verstand fürs Leben
jedem seinen Sinn hin geben.
Kleines Kind, es wächst heran,
Jüngling, Mädchen, Frau und Mann.

Junge Leute - viele Kräfte,
ältere unterweisen die Geschäfte.
Aber LIEBE / FROHES LEBEN
wird es dann für jeden geben.

19.01.1978


7. Mama war so tot, so schämig

Ich lebte 1976 - 1977 in Hamburgin einer Wohngemeinschaft  
Der Anspruch war: Freie Sexualität, Gemeinschaftseigentum und Selbstdarstellungen. Da zog Manfred ein, er war Lehrer, schwul. Er gab seine Geschichte preis:

Stickbild-Titel:
7-Vom Hören der Welt

 MAMA war so tot, so schämig.

Unser Baby schließt die Augen,
streicheln macht ihm Wonnesaugen
Und die Hände von dem Mann
rühren tiefe Schichten an.

"Pappi!" ruft ein kleiner Knabe,
sieh' mich an, was ich hier habe!"
Und der Papa, gut gesonnen,
hat das Schwänzlein wahrgenommen.

"Mama!" ruft dann dieser Sohn,
"sieh' mich an, ich hab' ihn schon!"
Doch die Mama dreht sich um.
Schwänze sind ihr ekelkrumm.

Und der Knabe wächst zum Mann.
"REIFEN" man nicht sagen kann.
Die Gefühle flimmern rum,
aufgescheucht und fremd und dumm.

Ändern diese frohe Lust,
Geilheit dringt durch Schwanz und Brust,
daran liegt dem Knaben wenig.
Mama war so tot und schämig.

Warum wohl ein schwuler Mann,
soll an diese Schmerzen ran,
die die eigene Mutter macht
und "EKELHAFT" zum Mannsein sagt?

29.12.1977


8. Ich habe noch nichts erlebt

In der Wohngemeinschaft in Hamburg lebte auch ein schwuler Musiklehrer.  Ich war 4 Wochen nach Österreich zu OTTO MÜHL und seiner Kommune:Friedrichshof = AA0 (Aktions Analytische Organisation) gereist. Als ich wiederkam, waren viele Menschen eingezogen, z.B. zwei Afroamerikaner, die Mädchen für einen Puff in Griechenland herrichteten (eine 28-jährige Lehrerin: "Ich liebe Lance...").  Lance erzählte in der Küche seine Stories. Unser Musiklehrer hörte zu, er war 24, und äußerte sich folgendermaßen:

  Stickbild-Titel: 8-Mann wird

ICH HABE NOCH NICHTS ERLEBT

Der Lance, der ist ein Neger
und kommt aus USA,
da wurde er oft geprügelt,
kam er den Weißen nah.

Dann durfte er nach Vietnam
und schoß und fickte rum.
Der Lance durfte was erleben,
und ich sitz' dumm herum.

Der Lance, der ist Zuhälter,
er sieht auch dufte aus.
Er macht die weissen Mädchen an,
schickt sie zum Bumsen raus.

Die mögen ihn so leiden,
auch ich empfinde ihn high!
Mann, der durfte was erleben
und ich nur Einerlei.

Ich sitze bei den Eltern
und Universität.
Ich fühle mich wie'n Mädchen
und reichlich soft und blöd.

Ach, hätte ich einen Säbel
und auch ein Schießgewehr.
Ich will laut schreien und gröhlen
und flitzen hin und her.

Und all die bösen Feinde,
die liefen HIPP HURRA,
und ich griff mir die Weiber
und schlug den Arsch/vallera

Und dann die kleinen Jungen,
die müßten sich hinknien,
und ich würde meinen Schwanz/vallera
in ihre Hintern ziehn.

Mann ich will was erleben,
das ich meinen Körper spür
und nicht in meinem Innern
bis in den Schwanz reinfrier.

Meine Fresse ist zum Schreien,
die Fäuste zum Boxen da
und meine Beine zum Treten
und mein Schwanz Bums/vallera.

Ich will etwas erleben,
den Kopf brenne ich mir leer,
der hat bloß dumme Sprüche
und das mißfällt mir quer.

Ich kratze mein Geld zusammen
und fliege nach Afrika.
Und schreie: "Idi Amin -
fick mich! Ich bin jetzt da!"

27.12.1977


9. Ich bin ein großes, dunkles Loch, das brennt

   Stickbild-Titel:
9-Hänsel und Gretel

 Ich bin ein großes dunkles Loch, das brennt,
und kann von meinem Brennen keinem sagen.
Sie haben nur ihr eigenes Konzept im Kopf
und schließen ihre Ohren für mein Klagen.

Ich bin das Loch, das offen ist,
und die Gefühle fließen, See und Strom und Bach.
Das ist NATUR, die haben sie vergessen,
sie hören nur den Weltsirenen nach.

Sie kennen die Idole in den Sälen,
sie kennen die Gardroben im Geschäft.
Sie kennen all die hunderttausend Sprüche,
die die Gesellschaft täglich in die Ohren kläfft.

Doch die Gefühle sind ganz fest verschlossen.
Sie drängen nur als dunkle, schwere Not.
Sie holen sie sich nicht ans Lichte
und kaun sich lieber an der Stummheit tot.

Sie fressen voll sich mit Tabletten,
sie saufen und sie gehen nachts zum Tanz.
Die Spannung sitzt in ihren Nerven,
sie sitzt im Herz, im Loch, im Schwanz.

Denn einer setzte ihnen, als sie kleine Kinder,
ein festes Ritual in ihr Gehirn,
und so sind sie nur am Gequatsche
und meinen, klug wär` ihre eigene Stirn.

Ich bin ein kleines Mädchen vor den Toren,
STERNENTALERKIND und gebe mich ganz aus.
da lachen sie, ich wäre lästig und verdorben,
und sie verschließen fest ihr wohlgefügtes Haus.

Ich bin NATUR, die Sonne und der Regen,
das Wachsen all der Blumen und der Früchte.
Ich bin die Frau, die warm und schwingend fühlt
und weiß um diesen Unterbau und seine Süchte.

Ich bin ein großes, dunkles Loch, das brennt,
und kann von meinem Feuer keinem sagen.
Sie haben nur ihr eigenes Konzept im Kopfe
und schließen ihre Ohren für mein Klagen.

   4.12.1974