Gespräch mit Junge Welt

"Jede Nacht sollte eine Weihe-Nacht sein"
Ein zeitloses Gespräch mit Helga Sophia Goetze
Jeder Tag ist Weihnachten auf der Erde.Jedesmal, wenn einer den anderen gern hat,sind die Herzen zufrieden und glücklich. Dann ist Weihnachten! Gott kommt zu uns und bringt uns Licht. (Lied aus Haiti)

Helga, feierst du Weihnachten? Nein, ich bin allein. Vor ein paar Jahren war meine Freundin mit ihrem neuen Freund da, und der Freund wollte angeben, da hab' ich mir gedacht, ich laß' mir doch nicht meine Stimmung vermiesen. Ich brauche' keinen Weihnachtsbaum, ich klau' mir Zweige aus dem Park.

Morgen kommt der Weihnachtsmann,
kommt mit Sack und Gaben
Und die Kinder wundern sich, weil sie alles haben
Autos, Puppen, Schießgewehr,
Häuser Fressen und noch mehr

Morgen kommt der Weihnachtsmann
und bringt seinen Plunder an
Hier drei Mark und dort dreihundert,
Pelzmäntel und alles wundert
Zählt die Schecks und zählt die Gaben,
die die Weihnachtsmänner haben

Kommt ein kleines Mädchen an,
das den Dreck nicht brauchen kann
Bettelt leise: hab' mich lieb.
Bitte mir ein Küßchen gib.
Da fängt unser Weihnachtsmann
fürchterlich zu brummen an:

Küsse sind nicht zu bezahlen,
Liebe gibt man niemals aus
Denn die Menschen raffen, rechnen; fühlen,
dabei kommt nichts raus

Drum merkt alle hier im Land:
Weihnacht wird gefüllt mit Tand
Roboter und Stampfmaschinen,
Hampelmänner, Hampeltrinen
Morgen kommt ein Weihnachtsmann
der für euch das Fest ersann.

Eigentlich ist Weihnachten ein heiliges Fest. Das wunderbarste Fest der Weltgeschichte. Wenn es draußen dunkler und kälter wird, beginnen die Menschen seit Urzeiten, sich zu wärmen. Eigentlich sollte jede Nacht so begangen werden und eine Weihe-Nacht sein, in der man anfangt, an sich selbst zu denken.Weihnachten gilt allgemein als Fest der Liebe. Siehst du das auch so?Überhaupt nicht. Wir wissen nicht, was Liebe ist, wir kennen bloß Erpressung. Dabei ist Liebe immer im Hier und Jetzt - der Rest ist Phantasie.

Aber viele Menschen reden von der Liebe und behaupten, sie zu kennen. Ja. Wir werden in enge Wohnungen gesperrt, in enge Betten gebracht und von dummen Müttern beaufsichtigt. Dumme Mütter machen dumme Kinder. Ich kann das an meiner Geschichte sehen. Ich war zwanzig Jahre, als ich verheiratet wurde. Mein Mann war zwölf Jahre älter, klug und gebildet. Da nimmt der eine Zwanzigjährige, die gerade noch mit ihren Puppen gespielt hat, weil es hieß: Helga wird 'ne gute Mutter, die spielt so schön mit ihren Puppen. Aber das erste Baby, das ich in meinem Leben in der Hand hatte, war mein erstes Baby. Meine Mutter hatte ein Buch, das hieß: "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind", und da hieß es, die drei obersten Pflegegrundsätze sind: Ruhe, Ordnung, Sauberkeit. Da stand nichts drin, was Liebe und Wärme in Wirklichkeit sind.

Mütter sind das Widerlichste - die reden und haben von nichts eine Ahnung! Ich war bis 50 Jahre ein zwölfjähriges neurotisches Kleinkind im Gefühlsbereich.Als meine Kinder klein waren, hieß es: "Leistung muß sich wieder lohnen". Ich hab' sieben Kinder. Da hieß es, das wäre mein Hobby. Aber Mutterarbeit ist Sklavinnenarbeit. Mütter sind Haustiere auf niedrigster Stufe. Und das nennt sich Demokratie!Aber viele Frauen lassen sich das doch nicht mehr gefallen!Heute tun viele Männer großzügig und erlauben den Frauen, sich zu emanzipieren. Das heißt aber nur, so zu werden wie Männer. Aber dann sollen sie das noch mit Familie und Kindern unter einen Hut bringen! Und das scheitert. Mit den Kindern, das geht überhaupt nicht - weil ein Kind 24 Stunden Pflege braucht.

Da gibt es auch keine Hoffnung?Doch, da gibt es Hoffnung. Wir brauchen eine andere Einrichtung der Gesellschaft. Zum Beispiel war ich in Österreich bei Otto Muehl gewesen, in seiner aktionsanalytischen Organisation hatte jedes Kind Anspruch auf die Brust, nicht aber auf die volle Zeit der Mutter. Das bedeutete, jedes Kind hatte eine zweite Person dabei. Allgemein muß in der Gesellschaft alles anders finanziert werden. Ich verlange: Jeder Mensch, das heißt, jedes Kind und jede Alte, kriegt 2500 Mark. Und dann am Tag vier Stunden entfremdete Arbeit, weil der ganze Scheiß ja gemacht werden muß. Das heißt, du arbeitest vielleicht ein paar Jahre acht Stunden und kannst dir dann zwei, drei Jahre frei nehmen.

Dann sparen wir erstens die Finanzämter ein. Zweitens sparen wir uns die ganzen Krankenhäuser, denn heute sind wir ja alle suchtkrank, da wir zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben. Mein Mutter hat mich nie gesehen, ich habe meine Kinder nie gesehen. Und das war nachher der Punkt, wo ich aufgewacht bin: Ich war eine schreckliche Mutter.Meinst du, du hast deine Kinder gesehen, aber nicht begriffen? Ja, das tut einem heute so leid. Ich hab' zum Beispiel einen Sohn, der arbeitet als Clown, und der hat von Anfang an immer seine Sachen durchgezogen. Im ersten Schuljahr stand in seinem Zeugnis: "Hartmut fügt sich nicht in die Klasse ein." Das war aber ein ganz souveränes Kind - wieso muß ein Kind in der Schule eigentlich stillsitzen? Aber wie sollen nun Eltern mit einem solchen Kind fertigwerden?Wie soll sich deiner Meinung nach die ideale Mutter verhalten?Kinder sind Gäste im Elternhaus, wenn du Glück hast, werden sie Freunde. Eine Mutter muß auf sie vorbereitet werden. Ich will, dass die Schulen geschlossen werden, wenn die Heranwachsenden dreizehn, vierzehn sind. Sie sollen dann zwei Jahre Handwerk, Landwirtschaft und freie Sexualität erfahren. Sie sollen ins Kloster gehen.Ins Kloster?Sexualität braucht Schutz. Es gibt viele leerstehende Dörfer, die aussterben, in denen man arbeiten kann, aber mit Ficken. Und zwar nach einem Fickplan, den man abends aufstellt, indem es nicht darum geht, wer ist der schönste, sondern mit dem man klären kann, was habe ich mit dem und was mit dem zu tun? Und nicht gleich mit der großen Liebe anfangen, wo soll die denn herkommen?Du meinst...Eben tun!... so etwas wie Empfindungen kennenlernen?Ja. Die Menschen haben unterschiedliches Temperament. Mir geht es darum, dass Heranwachsende einfach mal die Spalte kennenlernen. Und auch die Schwangerschaftsverhütung. Heute versucht jedes Kind, allein rumzufummeln. Das müssen sie aber gemeinsam tun. Ungefähr so: Heute ist Präservativ-Kunde, da zeigst du mir deinen Schwanz und wie er funktioniert. Wer sind wir denn eigentlich?Wie soll es mit den jungen Menschen weitergeben, wenn sie ihre Erfahrungen gemacht haben?Dann kannst du dir dein Leben selbst einrichten. Das Leben, das muß gemacht werden. Was haben wir denn von einer Jugend zu erwarten, die vom Fernseher das Leben lernt?Wo die Angst ist, geht's lang. Das ist doch besser, als Kriege zu führen! Ich bin die größte lebende Dichterin, ich bin die politischste Frau, die ich kenne. Aus Sex muß Liebe werden, aus Liebe Gebet und aus Gebet Ekstase. Fremde Körper, fremdes Fühlen, weit entfernt von dir und mirSchalte aus das kalte Denken, dass die Liebe nicht erfriertSink' hinein ins Körperwiegen, in das Innen, das sich rührtBis dein Leib sich selbst und meinen wie ein ewiges Kreisen spürtUnd im Kreisen da ist Beten: Dankbarkeit und Sinne rührtWirst du leise in Ekstase unheimlich und wild geführtDoch dies wahnsinnsvolle Tanzen, das im Ich das Du erspürtEndlich Sex, Gebet und Liebe uns zur Menschlichkeit entführtDu sprichst von Gebeten? Ein Gebet sind gute Gedanken. Die müssen nicht religiös sein?Alles ist religiös. Ich bin die religiöseste Frau, die ich kenne, aber keine konfessionelle Frau. Christus wäre doch nicht in dem Verein drin. Fangt doch mal an, selbst zu denken!Die Kirchen machen den Leuten nur schlechte Gewissen - übrigens das Prinzip jeder Macht.Man muß sich dagegen seine eigene Religion schaffen?Ja. Ich nenne das Nachdenken über Defiziterfahrungen.Meine Muschel zum Kuscheln, die braucht ein MannDer mit seinem Schwanze bewegen mich kann.Und bewegt er die Muschel, bewegt er die Welt.Fickkettchen, Kokottchen, so ist das bestellt.Und das ganze will sprühen kokott und fickett.Ich weiß es, am besten geht das in meinem Bett!Die sexuelle Erfahrung ist für dich der Mittelpunkt?Für mich ist Ficken das wichtigste. Wenn ich dreimal am Tag ficke, geht's mir am besten. Morgens aus dem Schlaf gebumst, am späten Nachmittag, wenn man müde von der Arbeit kommt, und dann abends vorm Einschlafen. Ich hab' das zehn Monate mit einem Mann mal erleben dürfen.Also hast du das Muschel-Gedicht schon für dich verwirklicht?Nein, ich habe nichts verwirklicht, weil ich immer an die Grenze von den Leute rankomme. Wer kann schon so viel energetisches Potential haben? Das Kann doch keiner.Auch nicht ansatzweise?Ich habe gerade zwei Liebesbeziehungen am Laufen. Der eine Mann ist bei mir impotent, und der andere ist der Ehemann meiner besten Freundin. Und den fragen die Leute immer als erstes: "Und was sagt deine Frau dazu?" Aber Dorothea sagt immer zu mir: "Helga, wenn wir dich nicht hätten, unsere Ehe wäre schon längst im Eimer!" Hannes ist so ein bißchen flippig und Dorothea ist so bißchen ernsthaft, und die holen sich bei mir Orientierung. Am Anfang war Hannes immer sehr verspannt, aber inzwischen ist es so, dass er sagt: "Oh Helga, du bist Nahrung für mich!"Zwei Jahre habe ich das ganz lieb mitgemacht, aber dann habe ich gedacht, das macht mich nicht satt, das bringt mich nicht in Ekstase. Sex, Gebet und Liebe - die drei Sachen haben wir schon geschafft, aber noch nicht die Ekstase.Gibt es für dich Unterschiede zwischen Fühlen und Denken?Die meisten Leute denken ihre Gefühle, sie wissen nicht, was fühlen ist. Ich würde immer Empfindungen sagen, weil das Wort Gefühle mir schon zu abstrakt ist.

Hast du eigentlich schon immer vom Ficken gesprochen? Auch schon in deinem bürgerlichen Leben als Mutter?Ahhhhh. Nein, höööör mal! Ahhhhh! Zur Welt kommen, ist, zur Sprache kommen. Wir haben im Genitalbereich keine Sprache!Meine Muschel zum Kuscheln, die braucht einen Mann - welche Frau sagt das zu ihrem Mann?

Wann hast du angefangen, dich so auszudrücken? Also, ich bin in meiner Ehe nie auf den Mund geküßt worden. Mein Mann hatte den Grundekel vor der Sexualität. Mit dem bin ich 1968 zur silbernen Hochzeit nach Palermo gefahren. Es war herrlich, die Sonne, das Meer, und dann kam Giovanni. Und da hab' ich dann mit dem nach vier Stunden Schmusen im Bett gelegen, da hab' ich gedacht - das isses!Ich hab' das Glück gehabt, dass ich diese Affäre ein Jahr lang gestalten durfte: Ich war zweimal zwei Wochen mit Giovanni allein im Urlaub, Giovanni war 14 Tage bei mir und meiner Familie in Hamburg. Und dann konnte Giovanni es seiner Familie nicht mehr erklären, und da mußte ich kapieren, Giovanni gehört nach Palermo und ich gehöre nach Hamburg. Da saß ich dann wieder zu Hause einsam und hadernd, und dann hat mein Mann gesagt: Guck doch mal, ich hab' dir Kontaktanzeigen aus dem Hamburger Abendblatt oder - ogottogott - aus den St. Pauli Nachrichten mitgebracht. Und da war gerade der 68er Aufbruch, da fingen nun ja die jungen Leute und die Frauen an, sich zu bewegen. Und dann hab' ich von 1970 bis 72 über Annoncen Männer kennengelernt, und da waren auch ein paar darunter, die mich gefördert haben, aber sonst war das sehr bitter. Also ich möchte diese Hengste keinem wünschen.Der wer ein bißchen Spielraum mag, und manches fremde LebenMuß wissen dass die Liebe bleibt, ein Nehmen und ein GebenKann das in dieser Gesellschaft mit der Liebe überhaupt klappen?Nein, jeder hat doch seinen Vater und sein Mutter, und es gehört sehr viel Erwachsensein dazu, dass man das kann.Ich male und dichte. Ich hab' sieben Kinder, und wenn ich das tue, dann gehen die weg. Wenn ich ein Bild fertig gemacht habe, dann will ich es gar nicht mehr sehen.Sind dir denn Leute begegnet, die wie du der Meinung waren, die Gesellschaft müßte man verändern?Nein, ich kenne niemanden. Die Männer haben immer nur gedacht: Jetzt fängt ‚High Life' an. Also wer sich mit mir einläßt, der denkt, das ist nur so eine Oma, die kann man einfach haben. Aber ich sag', bei mir kostet die Stunde tausend Mark! Weil - das ist das einzige, was die Männer verstehen: Geld.Wer bin ich denn? Qualität muß sich wieder lohnen. Das zahlt aber keiner, also bin ich sie gleich los.Und die Linken? Die behaupten doch, sie wollten die Gesellschaft freier machen und verändern...Nichts. Die, die ich kennengelernt habe, die wollten nur Sexualität ohne Verantwortung, und die Frauen sollten dann sehen, wo sie bleiben. Es hat ja bisher in der ganzen Welt keinen Sozialismus und keinen Kommunismus gegeben, sondern nur Etatismus und Staatsdirigismus.Das ist wir bei den Kirchen: Wer noch einen Papa will, der geht in den Verein. Ich brauche keinen Papa mehr.Das dolle an mir ist ja, dass ich für die Männer rede. Deswegen fanden mich die Frauen in der Frauenbewegung immer so furchtbar. 1974 gab es in Hamburg eine Frauengruppe, die hieß FRAU: Forum zur bedingungslosen Aufhebung jeglicher Unterdrückung. Die hatten einmal im Monat Gruppenfest, und wenn ich da auftauchte, schrie eine in der Gruppe immer: "Abhauen, abhauen!" Und da ist mir eingefallen, dass sich die jungen Töchter da endlich einmal einen Platz ohne ihre scheiß Mütter besorgt haben, und dann kommt schon wieder so eine Type wie ihre Mutter an... Und da hab' ich das respektiert und bin da nicht mehr hingegangen. 1978 haben die Frauen dann gesagt: Och, Helga, jetzt sind doch auch ältere Frauen in der Frauengruppe, und ich sag', ja, die nicht ficken! So saß ich immer zwischen allen Stühlen.Wir man da nicht ziemlich einsam?Für den Mann, der sich mit mir einläßt, heißt es: alles oder nichts. Aber die Männer haben Angst vor mir.Aber man muß den Männern doch die Angst nehmen?Nein, ihr müßt zusammenbrechen, ihr müßt wissen, das Alte geht nicht mehr, denn sonst nützt das gar nichts.Und dann werden die Männer von dir wieder aufgebaut?Die Männer wollen doch ficken, die haben doch ihren Trieb! Und dann verwechseln sie plötzlich die Realität mit ihrer Kindheit oder sonst was. Und pong! Vielleicht sind sie von ihrer Schwester ausgelacht worden und bekommen dann so eine Wut... Männer sind gefährlich. Das ist doch alles nur noch anstrengend. In dieser Gesellschaft gibt es keine Chance, dass Liebe funktionieren kann.Ich fange immer erst mal an zu heulen, eine heulende Großmutter im Bett, das hat sich ein Mann noch nie vorgestellt, dass das erquicklich ist. Und dann bekommt er plötzlich Gefühle, merkwürdigerweise.Ist Liebe das Ziel?Ja. Ficken und leben ist möglich, Liebe vielleicht. Wir wollen aber immer gleich das Perfekte, das große Los.Das wird ja auch überall in Büchern und Filmen erzählt...Ja, du mußt doch nicht glauben, was sie dir erzählen. Je blöder ihr seid, desto besser für den Staat. Der Staat lebt von der Dummheit der Leute. Ihr müßt eure eigene Befreiung machen, ich kann euch da nicht helfen.Das heißt, auf BRD-Tournee gehst du nicht mehr?Nein, die sollen hierher kommen, ist doch alles eingerichtet. Ich betreibe eine genitale Universität mit Lehre und Forschung. Meine Galerie ist täglich von 17 bis 19 Uhr geöffnet.

Das Gespräch führte Christoph Meueler
Erschienen in: junge Welt 1997, Nr. 299 –
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