Interview-Rosa v.Praunheim

Ein Gespräch mit Helga Goetze über ihr Leben
ihre Kinder und ihre Gewaltphantasien

Vorwort

Ich möchte mich stark machen für eine ganz tolle Frau: Helga Goetze. Sie ist sechzig Jahre alt, ist vor zehn Jahren von ihrer Familie und ihren sieben Kindern weggegangen und beschäftigt sich seither ganz radikal mit Sexualität. Sie trägt eigene Gedichte und Lieder vor, malt und spricht von ihren Erfahrungen, ihren Vorstellungen von freier Sexualität. Sie macht es provozierend, ganz persönlich und ungemein witzig und unterhaltend. Ob es in einer Kneipe ist, auf der Straße, in der U-Bahn oder auf einer Bühne — Helga fasziniert viele Menschen, besonders junge Menschen. Ich persönlich finde Helga ungeheuer wichtig, sie ist vielleicht die wichtigste und radikalste Person, die zu diesem Thema etwas zu sagen hat. Helga ist, wo immer sie auftritt, ein großer Erfolg und eine Provokation. Aber nicht deswegen setze ich mich für sie ein, sondern weil wir so viel von ihr lernen können. Unsere sogenannte freie Gesellschaft unterdrückt Sexualität von Kindesbeinen an. Wir haben uns ja längst an all die Repressionen so sehr gewöhnt. Wir haben resigniert. Uns fällt unsere eigene beschissene Sexualität nicht mehr auf. Helga ist eine Revolutionärin, eine Kämpferin, und es macht ungeheuren Spaß, sich von ihr mitreißen zu lassen. Das vorliegende Buch ist die Abschrift eines dreistündigen Videointerviews, das ich mit Helga Goetze in ihrer kleinen Wohnung Berlin in Kreuzberg im Winter 80/81 geführt habe. Ich kannte Helga nur durch eine kurze Begegnung auf einer Talkshow von Volker Elis Pilgrim in Hamburg. In Berlin rief ich sie spontan an und verabredete ein Interview vor der Kamera. Nach kurzen Begrüßungsfloskeln stellten wir die Kamera auf und fingen sofort an zu reden. Die drei Stunden wurden ohne Unterbrechung gedreht und vergingen ohne Anstrengung. Danach bauten wir die Kamera ab und gingen. Ich wußte selbst nicht, wie ich das Interview jemals verwenden wollte, dachte schon gar nicht an einen Film, weil das technisch mangelhafte Halb-Zoll-Video-Format ein schlechtes Ausgangsmaterial ist. Helga beklagte sich später in einigen Telefongesprächen und vielen Briefen, dass ich nicht mit ihr ficken wollte. Ficken bedeutet für sie Kommunikation, und sie fühlte sich von mir ausgenutzt. Helga interessiert sich nur für Menschen, die den Anspruch haben, an ihrer Sexualität zu arbeiten, die sich verändern wollen. Vor allem aber will Helga ihre persönlichen Bedürfnisse befriedigt wissen. Ich will ficken, sagt sie, morgens, mittags, abends. dann fühle ich mich gut. Das konnte und wollte ich ihr als Schwuler nicht bieten. Ich regte mich fürchterlich über sie auf, warf ihr vor, schwulenfeindlich zu sein und das Ficken nur als Machtmittel über andere zu benutzen. Ich warf ihr Frauenfeindlichkeit vor, weil für sie der Schwanz eine solch große Rolle spielt. Unsere Freundschaft schien gefährdet, aber je mehr ich das Videoband Freunden zeigte, später auf einigen Veranstaltungen vorführte, desto mehr begriff ich, wie wichtig Helga für mich geworden war. Ich erkannte, wie spießig ich mich mit meiner Sexualität eingerichtet hatte, wie wenig Perspektiven ich persönlich sah, für eine befreite Sexualität einzutreten. Ich hatte die allgemeine Resignation um mich herum akzeptiert. Die 68er Generation war zu den konventionellsten Lebensformen zurückgekehrt. Wohngemeinschaften sind ohne Anspruch geworden. Das Patriarchat triumphiert auch bei den Hausbesetzern. Zweierbeziehungen sind mit allen üblichen Konflikten der einzige Ausdruck der Zeit, Kinder und Jugendliche sexuell so verklemmt wie immer. Das Rollenspiel funktioniert perfekt, trotz aller Scheinliberalisierung. Helga mit ihren revolutionären Ideen scheint eine Verrückte. Ich erkannte, dass wir die Verrückten, Festgefahrenen, Neurotischen sind und Helga eine der wenigen klaren, intelligenten, konstruktiven Menschen ist. Ich beschloß, Helga zur Hauptdarstellerin meines Films "Rote Liebe" zu machen. Helga merkte, dass ich sie ernst nahm und willigte ein. Mit "Rote Liebe" ist für mich mein wichtigster Film entstanden, dessen Interviewteil mit Helga Goetze hier zum ersten Mal in voller Länge in Buchform vorliegt. In einer anarchistischen Regierung wäre Helga Goetze für mich die einzig adäquate Gesundheitsministerin. "Ficken für den Frieden" könnte ihr und unser Wahlspruch sein. (Herzlichst. Rosa von Praunheim)

Ein Gespräch mit Helga Goetze

ROSA: Da war eben so ein schöner Satz. Du hast gesagt, du wolltest nichts mehr besitzen.
HELGA: Ja. Ich will bloß noch körperlich sein. Ich habe alles schon gehabt, mein Ego ist so aufgefüllt mit Familie, mit Sachen, und ich will eigentlich jetzt nur noch an Körper ran, an Menschen. Bloß, wie ich es machen soll, weiß ich nicht, jeder hat sein Gefängnis, ich habe grade vor ein paar Tagen gesagt: "Ich bin aus dem magischen Kreis ‘rausgetreten". Und das ist für einen selber eine unglaublich tolle Erfahrung. Wenn ich jetzt die anderen Leute anhöre, ist es wie ein elektrisches Feld. Ein Mann hat mir gesagt: "Ich finde, dass du recht hast, aber ich will nicht, dass DAS für mich stimmt".

ROSA: Wie lange bist du schon in Berlin?

HELGA: Ich bin jetzt drei Jahre hier in dieser Wohnung. Ein Jahr lang bin ich ‘rumgeflippt, und seit zwei Jahren habe ich resigniert.

ROSA: Und vorher warst du in Hamburg?

HELGA: Vorher habe ich dreißig Jahre in Hamburg gelebt, davon 27 Jahre in einer Familie. 1974 bin ich von meiner Familie fortgegangen und habe in Gruppen gelebt, zwei Jahre in einer Gruppe mit freier Sexualität und Gemeinschaftseigentum, und dann bin ich hier nach Berlin gekommen.

ROSA: Bist du in Hamburg aufgewachsen?

HELGA: Nee, ich bin in Magdeburg aufgewachsen, aber meine Mutter ist Hamburgerin, und dadurch sind wir, als gegen Ende des Kriegs alles ungewiß war, in die Hamburger Gegend gekommen. Dadurch bin ich 1945 in dieser Ecke gelandet.

ROSA: Bist du mit Vater und Mutter aufgewachsen?

HELGA: Ja. Meine beiden Eltern ich und ein eineinhalb Jahre jüngerer Bruder. Mein Vater ist vor einer Woche gestorben. Er ist 91 Jahre alt geworden und hat die letzten Jahre im Altersheim vegetiert. Ich habe mich hingesetzt und zwei Bilder gemalt. Das erste Bild, das ist der Haß auf meinen Vater. Mein Vater war Marineoffizier. Das war seine große Zeit. Er hatte zwei große Zeiten, einmal den ersten Weltkrieg und dann den Zweiten. Ich kann nicht gut malen, aber ich habe immer das Bedürfnis, etwas auszudrücken. Ich habe so eine Schiffermütze versucht zu malen, dann seine Uniform. Ich befasse mich im Moment mit dem chinesischen Horoskop, das hat mir mal einer in die Hand gedrückt, und das finde ich unglaublich literarisch. Mein Vater ist nach diesem chinesischen Horoskop eine Ratte, und da habe ich eine Ratte gemalt vom Hals bis zu seinem Geschlechtsteil, und die Ratte hat ein eisernes Kreuz erster Klasse und ein eisernes Kreuz zweiter Klasse, und in der Hand hat er sein Schießgewehr, er ist Schütze. Ich male, ohne mir etwas auszudenken, aber hinterher ist es unglaublich richtig. Blau hat etwas mit Denken zu tun und Lila hat etwas mit Schwulität zu tun. Mein Vater ist ein schwuler Denker oder ein denkender Schwuler, aber das ist erst wieder hinterher hochgestiegen. So, hier habe ich die Natur hingemalt, hier unten ist die kleine Helga, und die hat eine Hand vor dem Gesicht und eine Hand vor den Augen, weil ja das kleine Mädchen nichts sehen und nichts hören durfte. Hier oben strahle ich aus, aber hier unten ist ein Gitter davor, und vor meinem Geschlechtsteil habe ich eine weiße Schürze, keiner ist reiner, aber ein bißchen rot als Umrandung. So — dann hat mein Vater zu mir gesagt: "Ein Hahn kann immer!" Das war scheinbar sein Problem. Ich habe deshalb einen kopulierenden Hahn gemalt. Ich habe mal mit dem Schwanz meines Bruders gespielt, als er noch winzig klein war, drei bis vier Jahre alt, da hat mein Pappi gesagt: "Man sieht nicht und man faßt nicht an. Ich habe in dreißig Ehejahren nicht gesehen und nicht angefaßt. Hier habe ich einen pissenden Mann gemalt und einen Baum. Mein Vater hat gesagt: "Die Frau ist das Gefäß des Mannes." Da habe ich mich mit geschlossenen Augen gemalt und eine Blumenvase und da ist ein Baby drin. Die Frau hat keine Hände, die hat Beine, die ‘rumbaumeln, weil eine Ehefrau ja keine eigenen Hände und keine eigenen Beine zu haben hat, und dies ist so, wie so ein Ei eigentlich. Das ist der Haß auf meinen Vater, Haß ist gleich Angst. Das weiß ich ja schon lange, dass ich total geil auf meinen Vater war. Meine Mutter war eh doof, ja? Mein Pappi und ich waren die einzigen Klugen in der Familie, ja? Das war die große Liebe. Sonntags sind wir als Kinder immer in einen Ruderklub gegangen. Ich habe dieses Wasser gemalt, meinen Bruder und mich, und dann ist etwas ganz Merkwürdiges passiert. Mein Vater küßt meine Brust, ich hätte ja den Mund übermalen können, aber ich habe den Mund durchscheinen lassen. Plötzlich, am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag voriger Woche, hatte ich plötzlich Quaddeln an der Brust, am Rücken und auf dem Kopf. Ich denke: "Du hast gar nichts gegessen! Wieso hast du Quaddeln?"

ROSA: Was heißt das — Quaddeln?

HELGA: Quaddeln? Kannst du dir das vorstellen? So ein roter Hautausschlag, ganz komisch. Wie Nesselfieber. Und dann habe ich gedacht: ‚Was hast du eigentlich gegessen?‘ Da fällt plötzlich mein Blick auf diesen Mund, und da ist mir folgendes eingefallen: Ich habe meinen Mann vor der Hochzeit nur dreimal gesehen. Ich habe Im Krieg geheiratet, und meine Mutter hat immer gesagt: "Hauptsache, die wirtschaftlichen Dinge klappen, die Liebe wächst in der Ehe, und als er das zweite Mal wieder vom Urlaub wegfuhr, da steht er auf dem Bahnhof und fängt an, so an meiner Brust zu spielen und ich bin total geil, also, ich bin beinahe geplatzt. Da sagt mein Mann, so ohne sich etwas dabei zu denken: "Das magst du wohl?" In dem Augenblick ist die Geilheit weg, also seit dreißig, fünfunddreißig Jahre, habe ich keine Geilheit mehr in meiner Brust. Das ist plötzlich hochgestiegen Weil ich mich sehr viel mit Psychologie befasse, da weiß ich, dass der Körper ein unglaubliches Gespür dafür hat, welche psychische Notwendigkeit da ist, um so ein Bild hervorzuholen.Jedenfalls jetzt, da sind die Quaddeln weg, nachdem ich mir das klargemacht habe, dass es irgendwas mit Geilheit zu tun hat, die mir aber an sich verboten worden ist. Später hat mir mal ein Mann gesagt: "Die haben vergessen, dir die Geilheit in der Brust zu verbieten." Die Möse, das weiß ich, war meine Mammi! Meine Mammi hat gesagt, da war ich ganz klein: "Helga, lege bitte die Hände auf die Decke!" Als ich mit zwölf Jahren meine Tage kriegte, meine Periode... da hatte ich morgens an den Fingern Blut. Ich dachte, MAMA! Was mache ich nachts wirklich unter der Decke? Man darf das nicht denken und wissen, bloß das Unbehagen ist da, also mit zwölf, fünfzehn, mit zwanzig, mit dreißig, mit vierzig, immer wenn ich meine Tage hatte (schreiend) ... zwölf Mal im Jahr immer sechs Tage, wieso hast du Blut an den Fingern? Bei der AAO, das heißt Aktionsanalytische Organisation, das ist eine Gruppe in Österreich, die mit der Sexualität experimentiert, da habe ich meine Selbstdarstellung gemacht, eine ganz lustige, fröhliche Selbstdarstellung, ich habe mich schön bewegt und mit einmal sagen sie: "Helga, warum machst du solche Krallen?" und seit der Zeit weiß ich, das hängt mit dieser ganzen Geschichte zusammen. Jetzt ist der Ekel endlich ‘raus aus den Fingern, solange dauern die Sachen. Ich habe soviel erzählt...

ROSA: Auf dem Bild fickst du mit deinem Vater? Das heißt also, du warst auf deinen Vater scharf? Wie hat sich das verändert im Laufe der Zeit?

HELGA: Na, das war so, ich habe noch mehrere Bilder gemalt, weil das mein ganz starkes Problem war. Als ich drei Jahre alt war, mein Bruder war zwei oder vielleicht noch ein Jahr später, da waren wir nach dem Baden nackedei im Zimmer, und mein Bruder hat breitbeinig dagestanden, und ich habe vor ihm gekniet und mit seinem Schwanz gespielt. Wir haben da gejubelt, das war eine unglaublich schöne Situation, und dann kommt mein Vater herein! Je, hat der da ‘rumgeschrien: "Man sieht nicht, und man faßt nicht an." Zehn Jahre ging das in unserer Familie: Man sieht nicht und man faßt nicht an. Mein Vater war ein sehr gut aussehender Mann und hat sich immer sehr aufgespielt, was er alles kann.

ROSA: Was hatte der für einen Beruf?

HELGA: Der war auf der Präparandenanstalt gewesen, der sollte Lehrer werden, weil er Orgel spielen konnte. Mein Vater stammt aus einer Orgelbauerfamilie. Mein Vater war der Hippie von 1900. Nach einer Sauferei ist er von der Schule verwiesen worden und zur See gefahren. Vorher hatte er noch nie einen großen Dampfer gesehen. Aber er hat sein Kapitänspatent und sein Steuermannspatent mit Auszeichnung gemacht. Er war nachher der einzige Marineoffizier bei der Kaiserlichen Kriegsmarine ohne einjährigen Schulabschluß, also ich weiß das nicht so genau. Jedenfalls, das waren für ihn sehr grandiose Zeiten.

ROSA: Auch im Zweiten Weltkrieg?

HELGA: Im Zweiten Weltkrieg war er Kriegsverwaltungsrat in Rußland, und da war sein größtes Erlebnis, dass ihm die russischen Frauen die Hände geküßt haben, weil er ihnen Kindergärten eingerichtet hatte. Ich habe immer gesagt: "Na hör mal, erst reißt du die Frauen aus ihren Familien ‘raus und die Kinder verwahrlosen..." Ja, die Frauen haben ihm die Hand geküßt, das muß ein unglaubliches Erlebnis für ihn gewesen sein. Im Ersten Weltkrieg eben seine Kriegsauszeichnungen. Ich habe immer gesagt: "Menschenskinder, ihr schießt doch, da und da gehen doch Leute unter..." Er hat Bruttoregistertonnen vernichtet, von Menschen war keine Rede!

ROSA: Du bist in Magdeburg aufgewachsen, in begüterten Verhältnissen?

HELGA: Nein, nein, denn mein Vater ist ja nach dem Ersten Weltkrieg in schlechter Verfassung zurückgekommen. Da waren die Verhältnisse nicht sehr begütert. Meine Eltern haben immer mühsam versucht, ihren Standard aufrecht zu erhalten, was eigentlich nur mit Hilfe meiner Großmutter ging. Die war berufstätig und hat den Haushalt meiner Eltern unterstützt. Mein Vater hat immer von den großen Zeiten geschwärmt, die hinter ihm lagen, später war er Vertreter bei einem Onkel, was ihm aber eigentlich nicht gemäß war, na ja.

ROSA: Wie war es in der Schule?

HELGA: Ich ging auf ein sogenanntes Oberlyzeum und hatte das große Glück, in jedem Aufsatz immer eine Eins zu kriegen. Ich habe erst bei meinen Kindern nachher mitgekriegt, was Schule eigentlich bedeutet, wie schrecklich das ist. Ich hatte irgendwie ein gutes System. Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Religion und Biologie eine Eins; Mathematik, wo ich nie hinhörte, da habe ich irgendwann mal den Faden verloren, Chemie und Physik, also da wußte ich nicht, was das bedeuten sollte, in Französisch und Englisch, da war ich faul. Aber mit diesen fünf Einsern, da bin ich gut durch die Schule gekommen und habe viel Zuwendung gekriegt. Das war ein gutes System, weil ich mich nur für Sachen bemüht habe, die es mir wert waren. Ich habe irgendwie schon sehr früh mitgekriegt, wie man besser durchkommt.

ROSA: In welchem Jahr bist du geboren?

HELGA: Ich bin Jahrgang 1922. Nach dem chinesischen Horoskop bin ich im Jahr des Hundes geboren, und nach unserem Tierkreiszeichen bin ich noch Fisch. Ich habe das Buch über die chinesischen Tierkreise erst vor einem halben Jahr in die Hand bekommen, und da war ich baff. Da las ich, dass Hunde also zuerst einmal für Emanzipation und Fortschritt sind und sehr bedürfnislos. Hund/Fisch Geborene haben reiche künstlerische Anlagen, sie leben in ihrer eigenen, phantasievollen Welt, doch die Konfrontation mit der rauhen Wirklichkeit bleibt ihnen nicht erspart. Sie sollten ihr verletzliches Selbstbewußtsein pflegen, dann können ihre künstlerischen Schöpfungen später reiche Früchte tragen. Ich dachte: Hallo, wer hat sich das ausgedacht? In zwei Jahren ist Jahr des Hundes, und wenn dann Helga nicht in aller Munde ist, dann scheiß' ich aufs Jahr des Hundes.

ROSA: Wie war denn deine Entwicklung unter Hitler?

HELGA: Ja. Da hat mir einer gesagt: "Du bist auch so eine alte Nazi." Ich habe dem geantwortet: "1933 war ich elf Jahre alt, hatte ich da Schuld? 1939 war ich 17 Jahre alt, hatte ich da Schuld?" Als der Krieg zu Ende war, war ich 23 Jahre alt und habe einen unglaublichen Schock gekriegt, wessen der Mensch guten Glaubens fähig ist: Hexen verbrennen, Juden vergasen! Rundherum traten alle wieder in die Kirche ein, weil die Kirche Care-Pakete ausgab und Plünnen verteilte. Da habe ich gesagt: Nicht um den Preis! Eine Institution, die im Mittelalter Choräle gesungen und dann Hexen verbrannt hat, die jetzt bis Ende der 50er Jahre in den Katholischen Kirchen Karfreitag gebetet hat: "Herr, vernichte die perfiden Juden!" Papst Johannes der 23., glaub‘ ich, der hat das erst aus dem Karfreitagsgebet ‘rausgenommen. Hör mal, von wem lassen wir uns eigentlich verarschen? Hitler war ein guter Sohn seiner katholischen Kirche, der hat das getan, was ihm als kleines Kind in die Ohren eingeflüstert worden ist. Ich habe 1945 den ersten Schritt genommen, dass ich gesagt habe, nicht um den Preis! In meiner Ehe haben wir jede Geburtsfeier selbst im Haus ausgestaltet, jede Jugendfeier, Hochzeitsfeier und auch die Totenfeier meiner Schwiegermutter. Das Große war ja, dass mein Mann alle meine Anregungen ausgeführt hat, bis ich nachher anfing, erwachsen zu werden, dann mußten sich unsere Wege irgendwie aber auf eine unglaublich menschlich freundliche Art trennen.

ROSA: Erwachsen wurdest du mit wie vielen Jahren?

HELGA: 1968 hatte ich eine Begegnung. Ich war mit meinem Mann in Sizilien im Urlaub, in Mondello am Strand. Da kommt Giovanni! Giovanni war mit mir gleichaltrig. Er war im Krieg drei Jahre Soldat in Deutschland. Mussolini und Hitler hatten sich gegenseitig abgesprochen, Adolf brauchte von Benito noch ein paar Waggons Jungs, da haben die zuerst einmal in Sizilien angefangen, die in die Waggons ‘reinzukippen und sie ohne Ausstattung in Kroatien aufs Feld zu kippen. So hat der Giovanni zwischen seinem 19. und 22. Lebensjahr hier bei uns gelebt. Der war in Frankoforte/Oder und in Lipzia, das heißt Leipzig. Wir sangen die gleichen Schlager, das war so irre. Giovanni und ich fingen da plötzlich an, ich tanze mit dir in den Himmel hinein... (lacht) Also, mein Mann und ich sind im Urlaub in Mondello, lernen den Giovanni kennen. Der hat sich mit seinem Auto zur Verfügung gestellt, ich sprach damals kein Italienisch, mein Mann hatte mal ein halbes Jahr in Italien gearbeitet und wollte mir alles zeigen aus seiner Vergangenheit. Dann fing Giovanni an, mir über den Rücken zu streichen, Jesses! Ich dachte, so ein Schwein, wirklich! Daneben steht mein Mann, und der fängt da im Dunklen an, Jesses!

ROSA: Da warst du wie alt?

HELGA: 46 Jahre alt. Ich bin in meiner Ehe nie auf den Mund geküßt worden, Giovanni war der erste Mann, der mich ahh, Mama! Also jedenfalls hatten Giovanni, mein Mann und ich ein paar schöne Tage. Dann sagte Giovanni plötzlich, er wolle einmal mit mir allein zusammen sein. Ich habe zu meinem Mann immer Vadder gesagt, er hat immer Helga zu mir gesagt. Ich sagte: "Vadder, der Giovanni, der hat gesagt, dass wir einmal zusammen alleine sein wollen..." Da hat mein Mann zu mir gesagt: "Ich kann dich verstehen." Da bin ich zum ersten Mal aus dem magischen Kreis ‘rausgetreten. Mein Pappi, der hat gesagt: "Ich kann dich verstehen!" Ahh! Ich wie ein kleines Mädchen: "Giovanni, wir dürfen!" Giovanni hatte das Glück oder Pech gehabt, dass seine Frau im Urlaub krank geworden war und mit den beiden Töchtern in Catania geblieben war. Giovanni hatte vierzehn Tage Spielraum, und ich sage mir, das passiert keinem deutschen Ehemann und das passiert auch keinem sizilianischen. Giovanni hat mich in ein Hotel entführt, und dann habe ich vier Stunden Kurzfassung gekriegt, was so die Konkurrenz zu bieten hat. Es hieß mal in einer Zeitung: "Und dann bekam Frau Goetze den ersten großen Orgasmus ihres Lebens." Ich sage: "Spinnt ihr? Dieser arme Giovanni, dass der mich da überhaupt in Bewegung gebracht hatte! Also, ich habe da ein Gedicht, als Dichter bin ich ein Genie, das will ich jetzt loswerden, und zwar heißt das Gedicht:

DER SEXUELLE KNAST.
Eingeengt bei Mutter/Vater

Enger noch bei dem Herrn Pater
Eng und starr in Lehrermund
Eng so eng in Lehrherrnkund
Bundeswehr, oh Gott welch ein Knast!
Sexualität in Hast
Ohne Übung ohne Ruh
Fällt der Ehedeckel zu
Mit dem einen engen Weib
Gibt es engen Zeitvertreib
Enger Knabe Hirne denken
Weiß noch nicht mal was vom Lenken
Zittern, Trieb, Erguß und Hast schafft
Sexuellen Rammelknast.

Das habe ich in einer sehr guten freundlichen Ehe erlebt. Mein Gatte hatte sich bis 32 rein gehalten für die Ehe.

ROSA: Und du?

HELGA: Ich war zwanzig. Ich war natürlich auch unberührt, hör mal!

ROSA: Und hattest den ersten Kontakt mit einem anderen, neben deinem Mann, mit 47 Jahren?

HELGA: 46 jetzt genau. Und dann bin ich nach Hause gefahren. Unterwegs habe ich angefangen, Italienisch zu lernen: io sono, tu sei — Jesses! Das lerne ich nie im Leben. Ich bin, du bist... jedenfalls, als ich zu Hause war, lagen schon zwei Briefe da, ich sollte postlagernd schreiben. Ich habe das große Glück gehabt, dass ich diese Beziehung ein Jahr lang gestalten durfte. Das heißt: Ich habe zweimal mit dem Mann allein drei Wochen Urlaub gemacht, und er ist zwölf Tage zum Entzücken meiner ganzen Familie in Hamburg gewesen. Meine Töchter, die kamen: "Mutti hat da..." und so, und die eine sagte: "Mutti, das ist ja ein toller Mann." Die eine fing an zu weinen und benahm sich, was man schlecht nennt, weil sie Angst hatte, der nimmt Mutti weg. Ein Vierteljahr später, sie war dreizehn, da sagte sie: "Mutti, du könntest ruhig mal drei Wochen wegfahren, wir machen das dann hier zu Hause." Ein Vierteljahr später hatte ich Geburtstag, da sagt sie: "Mutti, hör mal!" Dann hat sie mir eine Schallplatte geschenkt. (singt) Arriverderci Hans! Das war der letzte Tanz. Das Licht geht aus im Lokal, nun küß mich noch mal, eh wir nach Hause gehn.Also, da habe ich an diesem Kind mitbekommen, dass sie einen Lernprozeß gemacht hatte: Da sind Mutti und Vati, Mutti wurde schon so langsam eine Greisin, dann fing Mutti wieder an, beweglich zu sein. Da ist dieser Mann, und Mutti hat es schön gehabt und so. Warum sollte sie es nicht von Zeit zu Zeit schön haben, nicht?

ROSA: Gehen wir noch mal zurück, um biographisch kontinuierlich zu sein. Deine Eltern waren sozusagen Nazis?

HELGA: Nee! Die waren ihnen nicht fein genug. Meine Mutter war eine sehr praktische Frau. Die ging ins Rote Kreuz. Für die Damen in Magdeburg, da gab es die Frauenschaft, und da gab es das Rote Kreuz, und die Damen gingen ins Rote Kreuz. Damit sie pro forma irgendwas vorweisen konnten, trafen sie sich einmal in der Woche und nähten Babysachen. Meine Mutter ist eine unglaublich lebenskluge Frau.

ROSA: Hatte sie irgendwas gegen Hitler? Konnte sie das ausdrücken? Wie wurdest du erzogen, praktisch...

HELGA: Meine Großmutter hatte ein Lebensmittelgeschäft in Wilhelmsburg, und sie hatte einen Mittagstisch. Wenn ich als Kind in den Ferien bei ihr war, da wurde einmal die Woche der Tisch sehr schön gedeckt, denn es kamen die Juden Zinner. Die waren Vertreter und es war eine unglaublich freundliche Atmosphäre. Die aßen bei meiner Großmutter, kriegten extra gekocht. 1933 war ich, wie gesagt, elf. Da habe ich das mit den Juden irgendwie auf eine freundlichere Weise mitgekriegt, nicht dass zu Hause so Sprüche gemacht wurden.

ROSA: Hattest du ein gutes Verhältnis mit deiner Mutter?

HELGA: Nein, aber ich habe inzwischen mitbekommen, dass ich meine Mutter auch geliebt habe. Ich bin ein lang erwartetes Kind gewesen, und meine Mutter hat mich ein Jahr lang genährt. Das habe ich so in Therapiestunden mitgekriegt. Mein Vater hat meine Mutter immer bewußt beschimpft: Schimpfschke! Die Olle! Woran soll sich ein Kind halten? Mein Vater war von Montag bis Freitag weg, er war bloß am Sonntag da, wir hatten nur einen Sonntagsvater, was sehr angenehm war, wir konnten uns immer in der Woche von meinem Vater erholen und er sich von uns. Meine Mutter war unglaublich sauer, dass ich immer mit meinem Vater ‘rumschmuste, übrigens bis zum 13. Lebensjahr. Da habe ich mal auf seinem Schoß gesessen und gemerkt, der hat auch so einen Schwanz, so ein Ding zwischen den Beinen. Mir hat er gesagt: "Man sieht nicht, und man faßt nicht an." Der hat selbst... Von dem Augenblick an wollte ich mit meinem Pappi nichts mehr. Also nach diesem chinesischen Horoskop ist meine Mutter ein Hahn, eine sehr lebenstüchtige Frau. Hähne haben es so an sich, Kikeriki, Helga, dein Kleid! Paß auf dein Kleid auf! Ich meine irgendwie habe ich auch viel von der profitiert, weil die lebensklug war. Mein Vater sagte mal: "Du bist ein ganz verlogenes Geschöpf." Das ist eine totale Gemeinheit, man hat ein phantasievolles Kind und sagt von dem: Es ist ein verlogenes Geschöpf. Dann hat er später zu mir gesagt: "Du warst das reine Fragezeichen." Der hat überhaupt nicht mitgekriegt, dass ich mit sieben oder acht Jahren niemand mehr gefragt habe, weil ich wußte, von denen kriegst du keine richtigen Antworten. Ich mußte mir alles allein zusammensuchen, was ich wissen will. Ich hatte als Kind ein schizoides System, das bedeutet: Ich habe nie die Gefühle hochkommen lassen, sondern ich habe die beobachtet. Das ist gar nicht so gut, wenn man ein beobachtendes Kind dazwischen hat. Die haben mich in der Familie aber in Ruhe gelassen. Ich brachte ja immer in Deutsch eine Eins mit nach Hause. Mit mir konnten sie angeben. Unsere Helga! Aber ich habe meine Mutter nie in dem respektiert, was eigentlich an ihr tüchtig ist, das geht mir jetzt erst langsam auf. Meine Mutter hat immer gesagt: "Mein Mann ist meine Aufgabe." Aufgabe heißt: Sie hat sich aufgegeben für diesen Mann, und deshalb ist sie auf mich sauer, ich habe meine Pflicht nicht erfüllt. Wenn man eine Familie hat, dann muß man...

ROSA: Wie alt ist deine Mutter jetzt?

HELGA: 83, mein Vater ist 91 geworden, sie wohnt in Wilhelmsburg, also in Hamburg. Ich habe das große Glück, dass mein Mann alles, was Familie ist, aufrecht hält, weil er selbst in einer geschiedenen Ehe groß geworden ist, und er selbst an der Stelle entbehrt hat. Er mußte ab dem dritten Jahre Ehemann-Ersatz für meine Schwiegermutter spielen. Er hat sein Leben lang bloß für dusselige Frauen erwachsen sein müssen, einschließlich für mich, verstehst du?

ROSA: Hast du einen Beruf gelernt während des Krieges?

HELGA: Nee. Also, ich bin aus der Prima abgegangen, da hat meine Mutter gesagt: "Du heiratest ja doch mal und jetzt mußt du noch Arbeitsdienst und Pflichtjahr machen." Da habe ich einen Schreibmaschinenkurs gemacht. Es war sehr schwer, 1939/ 40 unterzukommen. Mein Onkel hatte ein Baugeschäft in Hamburg, und da hieß es, du gehst zu Onkel Otto nach Hamburg, da kannst du dienstverpflichtet werden, und so bin ich bis 1942 im Baugeschäft meines Onkel gewesen. Da war eine gleichaltrige Cousine und eigentlich hatten wir es sehr schön. Wir sind in der Zeit viel ins Theater gegangen und ich habe dadurch nicht erlebt, dass ich unter schlechten Dienstverhältnissen verpflichtet war. 1942 habe ich geheiratet, da bin ich noch mal ein Jahr nach Magdeburg gegangen, und dann war ich in anderen Umständen und bin nach Misdroy gegangen und habe ein Jahr dort gelebt. Von da bin ich auf die Flucht gegangen mit einem einjährigen Kind und meiner Mutter.

ROSA: Dein Mann war Soldat?

HELGA: Ja. Er hat das Glück gehabt, der war in der Marineartillerie und den ganzen Krieg in Swienemünde. Sein Kapitän hatte kein Interesse, dass seine Offiziere wechselten, wenn er sich an sie gewöhnt hatte. Auf der einen Seite, wenn man jung ist, möchte man dies und das erleben, aber er hatte das Glück und ist die ganze Zeit in Swienemünde gewesen.

ROSA: Und was hat er dann später gemacht?

HELGA: Mein Mann ist gelernter Bankkaufmann, der war schon vor dem Krieg Prokurist bei der Deutschen Bank, und er hat dann nach dem Krieg vier Jahre bei meinem Onkel im Baugeschäft gearbeitet. Da hat er mit Maurern und Handwerkern zu tun gehabt, und er hat immer gesagt, das wäre für ihn eine sehr wichtige Zeit gewesen. Dann hat er das Glück gehabt, dass er 1950 wieder in der Deutschen Bank anfangen konnte. So hatte er nur vier Verlustjahre, und er hat dann vierzig Jahre lang kontinuierlich als Prokurist der Deutschen Bank bis zu meiner Fernsehsendung gearbeitet. Danach ist er vorzeitig... pensioniert worden, weil ein Prokurist der Deutschen Bank seine Gattin bei Zeiten zur Ruhe bringen, sich von ihr trennen oder sie in eine Irrenanstalt einliefern muß. Ich habe öffentlich z.B. über unsere Hochzeitsnacht gesprochen, mein Gott!

ROSA: Und diese Hochzeitsnacht hast du in deiner ersten Fernsehsendung beschrieben.

HELGA: Ja, und das muß für die Männer überall ein furchtbarer Schock gewesen sein. Stell dir vor, dass ihre Frauen dann auch anfangen, darüber zu erzählen. Bei mir war es z.B. so: Ich habe zu meinem Mann gesagt: "Ich habe meine Tage, ich glaube das geht nicht." Da hat mein Mann sich ‘rumgedreht und geschlafen. Der hat mich weder gestreichelt noch angefaßt, ich wußte überhaupt nichts. Mein Vater sagte zu mir: "Du wirst einen älteren Mann heiraten, der wird dich aufklären."

ROSA: War dein Mann älter?

HELGA: Zwölf Jahre älter.

ROSA: Hast du Ihn geliebt? War das eine Liebesheirat?

HELGA: Ich habe nie zu meinem Mann gesagt: "Ich liebe dich." Er tat mir irgendwie leid, als er mich fragte, ob ich ihn heiraten würde. Ich habe gedacht, mein Gott, der ist schon dreißig. Wenn ich ihm jetzt auch eine Absage gebe, dann hat er nachher niemanden, keine Chance mehr. Und dann wußte mein Mann etwas von Nietzsche, wirklich, man heiratet primitiv! Das hat mir imponiert, ich hatte noch nie den Namen Nietzsche gehört. Ich holte mir Also sprach Zarathustra und eine Lebensbeschreibung. Dann hat mein Mann angefangen, mir zu schreiben. Er sagte, sieh mal, ich habe doch nicht so viel Gelegenheit, dich kennenzulernen, aber wir können schreiben. Er hat mir jeden Tag geschrieben. und das tat mir leid. Ich fand ihn auch irgendwie nett. Meine Mutter hatte zu mir gesagt: "Hauptsache die wirtschaftlichen Dinge klappen, die Liebe wächst in der Ehe." Aber sechs Wochen vor der Hochzeit kriegte ich plötzlich Panik. Ich habe gedacht, ich kann doch keinen wildfremden Mann heiraten! Ich bin zu ihm nach Swienemünde gefahren, das war im August, sechs Wochen vor unserer Hochzeit. Es war schönes warmes Wetter, ich erinnere mich noch, ich habe mich da im Raum umgezogen, und er hat sich umgedreht. Am Strand war es aber irgendwie schön, da habe ich gedacht, eigentlich kann ich ihn doch heiraten. Später habe ich ihn mal gefragt: "Warum haben wir es eigentlich damals nicht gemacht?" Da hat er mir geantwortet: "Ich habe immer gedacht, wenn du nun nach Hause fährst, dann kriegst du einen roten Kopf, wenn sie dich danach fragen, und diese sechs Wochen konnte ich auch noch warten." Aber für mich wäre das viel wichtiger gewesen, wir hätten damals gefickt, weil da war eine Situation, das war ich! Und das mit dieser Scheißhochzeit und Tatü und Standesamt und ich war die Gattin des... nachher hat man immer gefragt: "Was ist ihr Mann? Ihr Gatte?" Ja, mein Gatte, der war Prokurist der Deutschen Bank. Ahh! Sie ist die Gattin des Prokuristen! Ich war gar nichts. Wer ich war, das, also... war unwichtig.

ROSA: Würdest du sagen, dass dein Mann eine wenig ausgeprägte Sexualität hatte, wenig triebhaft oder wenig sexuell war?

HELGA: Eigentlich war mein Mann sexuell, aber bei dem habe ich mitgekriegt, dass das zwei verschiedene Aspekte sind, wenn die zärtlichen Strebungen und die sinnliche Strebung zerschnitten sind. Also zuerst einmal, ich kriege jetzt Panik, wenn einer etwas vom Vorspiel sagt. Wenn ich geil bin, bin ich geil und zwar in der Möse, und ich erwarte, dass der Mann im Schwanz geil ist. In meiner Ehe habe ich dreißig Jahre lang immer diese neurotischen Vorspiele gehabt: Ha! und Oh! Und dann zum Schluß hat er zack, zack, zack, zack und sich dann ‘rumgedreht und geschlafen. Jesses!

ROSA: Er hat sich um deinen Orgasmus nicht gekümmert?

HELGA: Das kann man auch nicht sagen. Er hat hinterher immer gesagt: "Da sind mir die Gedanken wieder ganz weggelaufen", oder so. Der konnte ja gar nichts dafür, das waren zwei verschiedene Sachen. Wenn einer sich bis 32 rein hält für die Ehe, du, sein Wichsen, also das kannte er ja, nicht? Als ich mal sagte: "Weißt du eigentlich, wie schwul deine Ruderei war?", da hat er mich angeschrien: "Das war Sport." Die haben immer geduscht, und mit den Augen ist es auch geil. Männer haben ja sowieso mehr Chancen, wenigstens mit den Augen geil zu werden, wir Frauen haben noch nicht mal Chancen, mit den Augen geil zu sein, nicht wahr? Weil wir ja immer hinter verschlossenen Türen pissen müssen, für 30 Pfennig, Schweinkram. Und die Männer pissen umsonst.

ROSA: Du hast praktisch regelmäßig mit deinem Mann Sex gehabt?

HELGA: Die Sexualität ging immer von mir aus. Ich habe das nie erlebt, dass mich wer vergewaltigt hat. Ich habe mindestens drei- bis viermal in der Woche die Hand ‘rübergelegt, und er hat auf mich reagiert. Mein Mann hat immer auf mich reagiert. Aber die letzten Jahre, irgendwas war verkehrt, aber... und zum Schluß waren diese ganzen Bänder der Handgelenke kaputt, weil ich mich bei der Fickerei immer zusammengekniffen habe mit Fäusten und das so über mich ergehen lassen habe.Und dann habe ich mit 39 Jahren unserem Hausarzt gesagt, er möchte doch mit meinem Mann mal sprechen, meine Ehe wäre so tot. Er sagte: "Meine liebe Frau Goetze, das ist doch kein Thema! Das ist nun langsam für uns abgeschlossen, nicht wahr? Es gibt ja so viele schöne Sachen, auf die man sich konzentrieren kann, aber doch bitte nicht immer auf das!"So, da wußte ich von meinem Vater, Mitte 40 ist es vorbei, da ist eine Frau eine Matrone. Mein Mann hatte mal zu mir gesagt, da war ich 35 Jahre alt, dass nämlich die Sexualität wirklich nichts mit Liebe zu tun hätte, und der Arzt hatte gesagt, das wäre ein Thema, das nun langsam für uns abgeschlossen wäre. Die drei Großen, Ehemann, Arzt und Vater, die für mich entscheidend waren, hatten mir nun beigebracht, mit 39 Jahren ist es vorbei.Dann bin ich immer in Aktion gewesen! Ich habe ja soviel Energie. Ich war im Turnverein, beim Volkstanz, ich war Übungsleiterin bei Vorschulkindern, ich habe Bastelkurse gemacht und wissenschaftliche Vorträge besucht. Ich war wirklich in Bewegung. Mein Mann hat später mal zu mir gesagt: "Du hast sowieso bloß immer getan, was du wolltest." Was meine Rettung war! Denn dadurch, dass ich mich viel nach außen bewegt habe, gefragt habe, gewollt habe, dadurch sind ja auch die Wellen wieder zurückgeschlagen, es war dadurch ja Bewegung in dieser Familie, aber irgendwie war ein Loch da, da war nichts.

ROSA: Das heißt, du hast praktisch in deinen Ehejahren... Habt Ihr darüber gesprochen, hinterher oder... während des Sex, warst du...

HELGA: Also hör mal! Das war die heilige Handlung, und die passierte im Schlafzimmer, da wurde kein Wort gesagt... das Wort "Ficken", also wirklich, gab es nicht. TABU!!! Bei uns in der Schule hieß eine Ursel Fick, da bin ich extra mal hingegangen in die Klasse und habe sie mir angesehen. (lacht) Wir hatten keine Wörter für DAS. Was Schwulität war, das wußte ich nicht... Ich war 1939 in einem Büro und da war so ein Lehrling — und der Chef hatte wegen Homosexualität ein Jahr Zuchthaus gekriegt. Da fragte dieser Lehrling: "Weißt du, weshalb er ins Zuchthaus muß?" Und dann sagte er: "Zwischen Männern und Frauen darf man, zwischen Männern und Männern ist es eben verboten." Nun hatte Ich noch nie einen Schwanz gesehen und angefaßt, ich habe also wirklich bis zu meinem fünfzigsten Lebensjahr sogar gedacht: "Was machen die nun eigentlich? Krempeln die sich ihre Schwänze ineinander?" Ich wußte ja nicht, was ein Schwanz ist. Das ging bei uns im Dunkeln, wenn ich den mal so gegen das Licht gesehen hab, fand ich das ekelhaft! Da stand sofort mein Vater da: "Man sieht nicht, und man faßt nicht an!" Meine Mutter stand ja da: "Die Hände auf die Decke!"

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