Trauerfeier

Trauerfeier für Helga Sophia Goetze
am 11. 2. 2008

Karin Pott

Liebe, verehrte Familie von Helga -
Kinder, Enkelkinder, Schwiegersöhne, Freundinnen und Freunde von Helga Sophia.

Helga ist vor zwei Wochen, am Dienstag, dem 29. Januar, um 16.30 Uhr in der Nähe von Hamburg, in Winsen an der Luhe gestorben. Sie ist fast 86 Jahre alt geworden. Am 12. März hätte sie Geburtstag gehabt.

Sie wurde 1922 mitten in das Durcheinander der Inflationsjahre als Helga Troch in Magdeburg geboren. Ihr Großvater war Orgelbauer, ihr Vater zunächst bei der Marine.

Sie wuchs in Magdeburg auf, ging dort in den letzten Jahren der Weimarer Republik und in den Vorkriegsjahren der Nazizeit zur Schule und lernte ihren zukünftigen Ehemann, Curt Goetze im Ruderklub kennen, zu dem die Eltern mit beiden Kindern -Helga hatte noch einen Bruder- jeden Sonntag gingen. Sie war 12 Jahre alt, ihr zukünftiger Mann 24, als er in ihr seine künftige Frau sah, und sich überlegte, wie lange er wohl warten müsse, um sie heiraten zu können. - 10 Jahre - Nach der Verlobung als sie 18 Jahre alt war, wurde 1943 im besten Hotel Magdeburgs gutbürgerlich geheiratet. Sie haben sieben Kinder - zwei Söhne und fünf Töchter - in die Welt gesetzt, die Nachkriegswirren haben sie in die Nähe von Hamburg verschlagen.

Curt Goetze arbeitete dort als Prokurist bei der Deutschen Bank. Gewohnt hat die Familie in Neugraben, einem Vorort von Hamburg. Inmitten eines großen Grundstücks mit Garten und Bäumen, hat Helga drei Jahrzehnte lang die Familie gemanagt, sie im „Innendienst", Curt im „Außendienst". Sehr, früh am Morgen ging sie in den Garten, in dem das Gemüse selbst gezogen wurde. Täglich kochte sie für mindestens 10 Leute, wusch ab ohne Spülmaschine, nähte, bestickte, smokte die Kleider der Kinder, machte die Wäsche- auch noch ohne Waschmaschine -, gestaltete Festtage nacheigenen Ritualen. Einmal in der Woche machte man Hausmusik, ging in den Turnverein, in Lesezirkel, in denen mit den Nachbarinnen die große Weltliteraturdurchgenommen wurde.

Der „edle Gatte" , wie Helga ihren Ehemann manchmal bezeichnete, half, wo er konnte im Haushalt ohne Aufhebens.

Als Kind hat sie schon viel gelesen. Der Vater: „Schade, dass du so intelligent bist, das mögen die Männer nicht" .Einmal im Jahr gestattete es ihr die Familie, eine Auszeit zu nehmen. In einer „Freien Akademie" fand und suchte sie Anregung auf ihre Fragen: sie wollte wissen, „wie alles zusammen hängt".

Ohne es schon zu wissen, bereitete sie Ihre Persönlichkeit bereits für eine zweite, außergewöhnliche Aufgabe vor: Als jemand später sagt: „Helga, du bist die primäre Tabubrecherin" kann sie damit gar nichts anfangen: Warum ich? Sie wollte doch nur ihr eigenes kleines Leben verstehen lernen.

Als Curt Goetze Mitte der 60ger Jahre mit Helga nach Sizilien fuhr, lernten sie Giovanni kennen, er sprach etwas Deutsch, er verliebte sich in Helga „Ich habe Hunger auf disch". Er wollte eine Nacht mit ihr verbringen, der Ehemann willigt ein und Helga erlebt ihre sexuelle Befreiung, ihre sexuelle Revolution.

Nach zwei Jahren kann Giovanni seiner Frau die Beziehung zu Helga nicht mehr erklären und es muß Schluß sein. Sie setzt auf den Rat ihres „guten Gatten" eine Annonce in die St.Pauli Nachrichten „Hausfrau sucht Kontakte", kriegt über 100 Zuschriften von unterschiedlichsten Männern und beginnt, wie es heißt, HWG.

Und sie gründet bei sich zu Hause ein Institut für Sexualaufklärung und betreut Drogenabhängige. Es war die Aufbruchszeit der 68ger Generation: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment."

Sie wird zu einer Live - Fernsehsendung „Neue Nackte, neue Einsichten" eingeladen und zieht sich nackend aus. Das hat schwere Folgen für sie: sie ist" der Skandal des Jahres", ist auf der Titelseite von Paris Match. Die Nachbarn schneiden sie, der Ehemann bekommt berufliche Schwierigkeiten und reicht die Scheidung ein. Es ist eine Übergangszeit, in der jemand wie sie noch von ihrem bisherigen sozialen Umfeld ausgestoßen wird. Wie verkraftet man das? Wie reagiert man darauf? Wie geht man damit um?

Mit Volker Elis Pilgrimm gibt sie das Buch „Die Hausfrau der Nation oder Deutschlands Supersau" heraus. Bei Vorlesungen und diversen Veranstaltungen trägt sie ihre Botschaft vom Ficken ist Frieden, ist Kernkraft vor, die Leute sagen ihr:

„Frau Goetze, merken Sie nicht, dass sie stören?" und sie: „Ja, das will ich ja! ".

Sehr geschmerzt hat sie, dass es jetzt sind nicht mehr „unsere Kinder", sondern seine Kinder, nicht mehr „unser Haus", sondern sein Haus ist. Sie verlässt mit zwei Einkaufstaschen in den Händen ihr Haus und die zwei Kinder, die noch im Haus sind; die eine 14 - j ährig, die andere 16.

Sie geht zu Otto Muehl in die Aktions Analytische Organisation, zum Friedrichshof in Österreich. Wie Otto sich für Mutter und Kind einsetzt, wie die freie Sexualität praktiziert wird, wie sie lernt, bei den Selbstdarstellungen, die es jeden Abend obligatorisch gibt, ihre Scham vor den viel jüngeren Leuten abzulegen, das Malen als Therapie, das gefällt ihr und sie möchte dort bleiben. Aber Otto will kein reife Frau um sich, will keine Kontrolle, er will allein der King sein.

Sie kommt nach Berlin, lebt in einem dunklen Loch im Souterrain in Kreuzberg, ist sehr, sehr einsam. Sie besinnt sich auf Ottos Rat: „Male deine Geschichten."

Wie sie in den Ehejahren und auf ihrer „Wanderschaft" ihre Erlebnisse in Gedichten und anderen schriftlichen Aufzeichnungen festhielt, so begann sie mit der zu ihr gehörenden Energie und Gründlichkeit, ihre persönlichen Geschichten, die anderer Menschen, an deren Schicksal sie teilnahm, und ihre Gedanken, mit denen sie aus ihren Erlebnissen Sinn zu machen versuchte, in bildliche Vorstellungen umzusetzen und aufzumalen:

Sie begann, wie besessen zu malen und weiter zu dichten. Es entstanden Papierarbeiten in unterschiedlichen Größen - von DIN A 2 bis zu Rollbildern, bis zu kleinen Zeichnungen. Die Motive hatte sie alle im Kopf; erst waren es die Geschichten z.B. aus ihrer Kindheit, die Ehe der Eltern, die Großeltern, ihre eigene Kindheit, Curt, die Kinder - sie malt mit großer Intensität und unerbittlich radikal ihren Schmerz, ihre Trauer, ihre Wut aus sich heraus. Mit absolut sicherem Gespür für Proportionen und Farben bringt sie die Inhalte auf den Punkt.

Später kamen weitere Themen hinzu: Tarotkarten, Weihnachten, selbst der Holocaust, und auch Einsichten aus ihrer laufenden Lektüre.

Zu dieser Zeit habe ich Helga kennen gelernt. Sie lebte schon in der Schlüter Strasse 70 in Charlottenburg, Toilette außerhalb der Wohnung, auf dem Flur. Ich habe sie bei einer Friedensbewegung kennen gelernt: Vor der TU und Hochschule der Künste fand eine Demonstration gegen die Aufrüstung der Nato statt. Während Pfarrer Kanitz vom Übertragungswagen rief: „ Wir wollen die Raketen abschaffen, keine Aufrüstung" usw. fiel eine Frau, die dicht neben mir stand, ihm ins Wort und rief: „Ficken, ficken".

Ich sprach sie an; ich war beeindruckt von der Wucht, mit der sie ihre Botschaft herausschrie. Ja, sagte sie, aber es ist nicht leicht."

„Es ist nicht leicht!"

Ich besuchte sie bald in ihrer Wohnung, und hörte mir ihre Botschaften an. „Ich rufe um Hilfe: Wer nimmt die Sexualnot der Jugendlichen und die der Frauen über 30 wahr?"

Helga zog mich in ihren Bann, sie berührte mich. 1988/89 entwickelte ich das Konzept des IG Metall - Kunstpreises und organisierte die Vergabe beim ersten Mal. Helga Goetze reichte auf meine Aufforderung den Entwurf für ihren Gewerkschaftsteppich ein und kam damit unter die Preisträger, die für den 4-10. Preis ausgewählt wurden. Zuvor schon schmückte ihr Entwurf den Cover des Katalogs mit den eingereichten Entwürfen.

Zur selben Zeit erschien Dorothea Günther, die ihre allerbeste Freundin wurde. Sie hat sich Helga völlig anvertraut, besuchte sie regelmäßig einmal in der Woche, hörte sich ihre Gedichte an und praktizierte Helgas Lehren.

Im Jahr 2000 gründete sie, zusammen mit anderen Freunden, die Helga regelmäßig besuchten und ihre Botschaft verbreiten wollten, den Verein „Metropole - Mutterstadt e. V" zur Unterstützung von Helgas Arbeit und zur Verbreitung ihrer Botschaft und ihres Werks.
Völlig überraschend starb Dorothea im Alter von 54 Jahren vor fast genau einem Jahr. Diesen Verlust ihrer besten Vertrauten hat Helga nicht verwunden.

Sie erlitt im Sommer letzten Jahres einen Schlaganfall. Ihre Kinder haben sie in ein Pflegeheim in Seevetal bei Hamburg gut untergebracht.

Ich habe sie zweimal besucht. Sie konnte auch nach ihrem Schlaganfall ganz gut sprechen. Bei meinem letzten Besuch sang sie mit Antonia, ihre Enkeltochter Weihnachtslieder. Sie war, wenn ich das so sagen darf, „ganz gut drauf".

Ich hatte einen wichtigen Grund, zu ihr zu fahren: ich wollte ihr die Zeitung, „Le Temps" aus Lausanne persönlich überreichen, die von der „Sensationellen Entdeckung einer Künstlerin aus Berlin" berichtete, deren Stickereien in die laufende Ausstellung im ART BRUT MUSEUM in Lausanne aufgenommen worden und ist und im Anschluss in die ständige Sammlung übergehen wird. Diese Ehre, mit fünf wichtigen Arbeiten in die weltberühmte Sammlung aufgenommen worden zu sein, war das einzige, was ich für sie am Ende ihres Lebens tun konnte. Mein Zuruf „Helga, bleib am leben, wir wollen noch ernten", hat sie noch gehört. Helga wollte immer groß raus kommen und viele Menschen erreichen.

Ein erster Schritt zur Verbreitung ihres künstlerischen Werks war die Veröffentlichung ihres Gedichtbands. Auch im Film, Theater und in anderen öffentlichen Medien bot sich ihr immer wieder mal eine Plattform zur Verbreitung ihrer Ideen.

Einige ihrer Wandteppich und Gedichte konnte ich 2006 endlich im Haus am Lützowplatz ausstellen. Es war nicht leicht, das durchzusetzen. Helga provozierte und erregte Widerstand.

Wie vielseitig, gebildet und einsatzfreudig sie dabei war, wie vielen Menschen sie durch private Gespräche und ihr Engagement für sie Halt gab, habe ich immer wieder erleben dürfen.

„Es ist nicht leicht!" hatte Helga bei unserer ersten Begegnung gesagt. Der Skandal Anfang der siebziger Jahre zwang sie, sich eine völlig neue Lebensroutine aufzubauen. Sie nahm die ihr aufgedrängte Rolle an. Sie verkündigte ihre Botschaften als „primäre Tabubrecherin" täglich zunächst bei der Mensa der Technischen Universität Berlin, dann bei der Kaiser- Wilhelm-Gedächtniskirche. Zunächst gegen polizeilichen Widerstand. Später lief es glatter. Vor der Fußballweltmeisterschaft besuchte sie die Polizei und bat höflich: „Frau Goetze, die zwei Monate bringen wir doch auch mal ohne Auftritte rum".

25 Jahre hat sie diese Selbstverpflichtung zur Verkündung ihrer Botschaften wahrgenommen, ohne sich davon abstumpfen zu lassen. Einen Fernseher gab es nur kurz in ihrer Wohnung. Statt dessen verwendete sie ihre Zeit lieber zum Sticken und Lesen. Immer lagen neue Bücherstapel neben ihrem Sofa. Die „Zeit", den „Spiegel", „Emma", die Zeitschrift „Literaturen" las sie regelmäßig. 2007 hat sie sich z. B. durch Bücher von Safranski und Sloterdijk durchgearbeitet. Und alles, was sie las, wurde aktiv umgesetzt.

Zusammenfassungen und Zitate kamen in ihre laufenden, tagebuchartigen Rundschreiben, die sie mit der Schreibmaschine tippte, ausschnitt, kopierte, zusammenklebte und an ca. 20 Personen regelmäßig verschickte. Manche Zitate kamen dann auch in ihre Wandteppiche.

Schon letzten Sommer begann sie manchmal davon zu sprechen, dass sie ihre Aufgaben erledigt habe. Nach ihrem Schlaganfall rückte ihre Familie ganz ins Zentrum ihres Interesses. Schon im Krankenhaus in Berlin sprach sie hauptsächlich von ihren Kindern, ihrem Bruder und ihren Eltern. Es war gut für sie, dass sie dann in ein Heim kam, dass nicht weit von einigen ihrer Kinder entfernt lag. Nun wird sie ihrem Wunsch entsprechend nach Berlin zurückkehren und hier auf dem Friedhof begraben werden, auf dem auch die Gebrüder Grimm beerdigt wurden.

Erlaubt mir, liebe Freunde, hier abzubrechen. Es gibt so viele lebendige Erinnerungen an Helga. Als Gedächtnisstütze haben wir ein rasch für heute zusammengestelltes Video, für dessen Herstellung ich Patrick Protz danke. Er kann nichts dafür, dass Helga nicht immer gut zu verstehen ist. Aber das macht nichts. Wir erleben Helga in diesem Film trotzdem.

Wir sind heute hier, um Helgas in dieser Trauerstunde gemeinsam zu gedenken und zusammen über sie zu sprechen. Wir gedenken einer großartigen, klugen, mutigen und tapferen Frau, einer großen Künstlerin.

Ich bedanke mich bei Ihnen allen.