Zeugnisse eines Ausbruchs

Aufzeichnungen von Helga Sophia Goetze
(ein Verleger wird gesucht)

Hier die Aufzeichnungen einer Frau, die den Ausbruch aus dieser von Männern und für Männer bestimmten Welt der 68ger Jahre wagt, ihre Gedanken und Erfahrungen; ein Tage- und Erlebnisbericht, welches anschaulich die Befindlichkeit und Misere unserer (Männer-) Nation beschreibt.

Zeugnisse eines Ausbruchs
Teil 1
Giovanni
Von der braven Hausfrau zur Revolutionärin
Ein Lebens- und Sittenportrait im Deutschland der 68ger Jahre.
Helga Sophia Goetze, spielte jahrelang die treu sorgende Ehefrau und Mustermama im Deutschland der 70ger Jahre. Dann findet sie Giovanni, der sie begehrt und bei dem sie nach 20 Jahren Ehe und Kindern ihren ersten sexuellen Höhepunkt erlebt. Sie findet den Mut, über diese Erlebnisse zu sprechen, in Zeitungen, im Fernsehen. Plötzlich ist sie in den Schlagzeilen als "Deutschlands Supersau", als "primäre Tabubrecherin", als "Skandal des Jahres".

Helga Sophia Goetze sträubte sich, als ich ihr diese ersten Texte ihrer Erinnerungen vorlegte. "Der italienische Text ist stümperhaft!" sagte sie. Stimmt! Und trotzdem finde ich es wichtig, diese stümperhaften Texte mit zu veröffentlichen.
Denn genau so stümperhaft, wie diese Texte, genau so bist du als siebenundvierzigjährige Frau in dein großes Liebesabenteuer gefallen. Eine Hausfrau, sieben Kinder, ein liebevoller Mann, verliebt sich. Das hört sich wie ein Märchen an. Warum hört es sich wie ein Märchen an? Weil die Männer bestimmen, was möglich sein darf? Wahrscheinlich geht es Millionen anderen Frauen in ähnlichen Situationen ähnlich, aber niemand traut sich, es offen zu tun oder darüber zu sprechen. Die Sekretärin, die diese Schriften abtippte, gerade mal vierzig Jahre jung, hat zwischendrin geweint. "Ich kann Helga so gut verstehen", sagte sie.
Auf Liebe reagiert unsere Umwelt immer wieder mit Prügelstrafen . Alles, was außerhalb einer nicht näher definierten "Norm" liegt, ist verpönt, verboten, wird verspottet. Krieg dagegen, Mord, Totschlag, sind gesellschaftsfähig. Abend für Abend wird es in Kinos und Fernsehen dem Volk als Opiumersatz dargeboten. Angst resultiert daraus!
Angst vor einem liebevollen Wort mit dem Nachbarn, Angst, eine traurige Nachbarin in den Arm zu nehmen, Angst vor dem Leben, Angst vor der Liebe. Helga Sophia Goetze hat in fünfundzwanzig leidvollen Jahren erleben müssen, dass diejenige, die sich für ein liebevolles Miteinander einsetzt, verhöhnt, verspottet und verhaftet wird (so geschehen beim SPD-Parteitag in Hamburg, in Berlin und anderswo).Doch sie hat nicht aufgegeben.
Ihr Protest gegen die Herrschenden, die uns zu einem Leben ohne Liebe zwingen wollen, war stark, fordernd und immer friedlich. Es hat Angst gemacht und bei vielen viel bewirkt. Ihr Film "Rote Liebe" gehört in den USA zu den zwanzig meistgespielten Filmen aus Europa. Doch all das, was Helga Sophia Goetze leidvoll miterleben mußte, wirkt weiter in uns und um uns herum.

Ein altes Sprichwort sagt:
"Erst wenn du deinen Feind erkannt hast, hast du die Chance, ihn zu besiegen."
Erkenne dich, erkenne deinen Feind und handle so, wie es dir deine Fähigkeiten gestatten.

Die erste Seite ihrer Aufzeichnungen

Wenn eine Person verrückt ist, ist sie glücklich. Sie hat eine Chimäre, ein Traumbild und lebt nicht in der Wirklichkeit. Du bist meine Chimäre für immer. Durch Dich sehe ich die Welt neu, das Prisma, das Brennglas bricht die Bilder der Welt auf eine neue Weise. Die Süße des Lichtes -- ich fühle dieses bis in meine Nerven -- die vibrieren und die Melodie und die Bilder in einer anderen Tonart fühlt. Le mie handiere per la tua bandiera. Ich bin immer in der Zeit. Mal klebt sie, ist dunkel und jede Minute schmerzt. Jedes karge Wort -- ach, wir sagen: Im Anfang war das Wort! -- süß ist und voller geheimnisvoller Klänge und Sinne. Ti godere -- dich genießen! Welch Wunder! Spettinata -- ungekämmt, die Wahrheit, aber gentile, generosa, allegra -- welche Heiterkeit -- ist Speise der Seele und fließt wie ein feines Ferment durch alle Wirklichkeiten. Was ist realta? Immer fließe ich von Dir, zu dir, in Dir. In Rom war ich immer fliegend. Wir rasten mit dem kleinen, offenen Wagen über die schön geschwungenen Straßen Roms. Das weite Land der schöne Horizont, die Hügel mit den großen Häuserblocks, ein eigenes Panorama. Die Wolken bekränzten mit Zauberbildern bizarr getürmt die schönen Bilder, für mich das Glück. Die Zeit, die Zeit, sie rann, sie sprang, sie hüpfte, sie fuhr stolz und aufgerichtet, das Ziel im Blick -- zu Dir! Zu Dir? Ich weiß nichts. Ich bin in der Gnade. Ich weiß, ich falle, doch spüre ich, dass einer dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält. Sind es noch einmal Deine Hände? Zauberschöne Welt, die diese -- meine -- Möglichkeiten gibt.
Wenn eine Person liebt, sie duldet alles. Man gibt sich hin im Vertrauen. Du hast so viel neue Seiten in mir zum Klingen gebracht. Mein Farb- und Formgefühl, ein Schwingen und Vibrieren, meine Gedanken haben neue Nahrung, der Strom des Guttunwollens ist stark. Ich bin so schrecklich stille vor dem immer-stille-sein. Ich denke, ich müßte schreien, schreien oder weinen, weinen. Mein Körper ist so verlangend nach -- Deiner -- Liebe. Giovanni, wir sind zwei Vögel, die kein festes Haus haben, hierhin geworfen, dorthin, wie der Wind es fügt. Die Welt ist groß. Hörst Du draußen den Sturm? Ich habe seine Kraft gespürt, als das Wasser hoch aufsteigend mich hart gegen das Eisen und die Steine drückte. Sind wir Ameisen, die in harter Fron den Gesetzen folgen oder Windgesellen? Hoch jauchzt das Wasser, weiß sprüht die Gischt. Die Tropfen hängen silbern darin. Ach, ich weiß es schon, die Liebe ist es nicht, diese ungenauen Worte. Eine Liebe, ein Teil, Zärtlichkeiten, einen Moment strömen, gleich sind die Leiber -- ein Mann! Hat er je gefragt, was denkt eine Frau, was fühlt eine Frau, was muß gemacht werden, Harmonie zu finden? Windgeselle, heiterer Freund. Deine Gedanken sind weit verstreut. Dein Programm: Alle sind gleich. -- Das ist doch nicht die Liebe! Geld und die Notdurft des Lebens -- materia -- und Verstand. Ach, und die Seele? Die steht und friert, draußen gelassen bei dem Doppelspiel.

Giovanni, vielleicht schon jetzt finito? Das Spiel ist zu groß für Dich. Die Fäden laufen. Das Kleid für die Seele wird nicht geschafft. Ach, immer steht wohl einer davor. Mal friert die materia, mal der spirito -- Geist. Dein Rhythmus, Dein Duft, Dein Fleisch und das Lächeln und der Moment des Sich-lösens -- ist der Liebe genug? Ein Jahr blühte die Hoffnung. Vielleicht war es dem Partner wichtig, die Blume ganz zu erfassen. Den Duft, die Farbe, das Befühlen, die Gestalt.

Eines von über zweitausend Gedichten
Ein Werden ist auf Erden jedes Sein

So wie ich bin, kann ich mit mir nicht leben. So wie ich bin, kann ich mit mir nicht sein.
Da irren Träume, wirre, durch mein Leben. Da ist mein Kopf, verrückt, und findet sich nicht drein.
Es ist das "Mir" von meiner Seele außen, es sucht die ganze weite Welt nach Dir.
Gespalten und zerstreut bin ich da draußen, verschlossen ist mir deine Herzenstür.

"Du bist verrückt!" so hör ich deine Stimme. Ich weiß es selbst, du schöner fremder Mann.
Du bist so fern, ich kann dich nicht mehr hören, ob sich dein Herz an mich erinnern kann?
Wie ist dein Kopf, hat er mich ganz vergessen, geh ich dir nie mehr leise durch den Sinn?
Kannst du noch fühlen meine süße Weiche? Es war doch kürzlich erst mein atmendes Ich-Bin.
Ich bin! Ach lange ist‘s gewesen, damals im Frühling und dann im August.
Schon ist die Wirklichkeit dahin und am Verwesen. Die Blätter sind im Winde ohne Schutz.

Der fest Baum hat alle sie gelassen. Sie trauten sich so hoffnungsgrün ihm an.
Doch seht im Herbst er läßt sie los, in Massen vergehen sie und keiner sieht sie an.
Sie drücken fest sich an die Erde, dass keiner ihre stummen Tränen sieht.
Zuerst verlieren sie die Farbe. dem kalten Winter keine Hoffnung blüht.
Ich bin! Du weißt es doch, ist Werden nicht beschieden – und heute so und morgen ist es so.
Du wandelst dein Geschick auf Erden, lerne Frieden, sei immer deiner Lebensmelodie so froh.
Du weißt es doch, du kannst dir nicht entfliehen, so nimm dein Sein in Demut an.Mal bist du oben, mal hienieden
und keiner dir auf deinem Wege helfen kann. Schließ deine Tränen fest in deine Kammer
Und zeige allen nur ein fröhliches Gesicht. Ein jeder Mensch hat seinen Jammer
Und deiner ist in Wahrheit nur Vorsicht. Es ist kein Jammer, jedes süße Leben
hat einen Hauch von Gott, ist eine Farbe und ein Licht. Die Form, ja die verwandelt sich auf Erden,
doch die Musik verliert den Zauber nicht. Der eine hört das Klingen in den Ohren,
der andere sieht der Farben Leuchten hell, der dritte spürt ein zartes, stilles Fließen.
Arrividerci, mein fröhlicher Gesell.
Mit einem "Bin" kann man nicht leben, ein "Bin", das ist der feste Stein.
Schon haben die Tränen mich verwandelt. Ein Werden ist auf Erden jedes Sein.